Steifes Anfangswertproblem
Ein steifes Anfangswertproblem ist in der Numerik gewöhnlicher Differentialgleichungen ein Anfangswertproblem
bei dem explizite Einschrittverfahren
oder Mehrschrittverfahren
wegen ihres beschränkten Stabilitätsgebiets
erhebliche Schwierigkeiten haben. Dies ist dann der Fall, wenn die Konstante
in der Lipschitzbedingung (vgl. Satz
von Picard-Lindelöf)
große Werte
annimmt, die Lösung
aber recht glatt verläuft. In diesem Fall könnten numerische Verfahren diese
Lösung mit relativ großen Schrittweiten genau approximieren, explizite Verfahren
werden aber wegen des beschränkten Stabilitätsgebiets gezwungen, kleine
Schrittweiten zu verwenden. Typischerweise treten steife Anfangswertprobleme bei
der numerischen Approximation von parabolischen
partiellen Differentialgleichungen auf nach erfolgter Diskretisierung im
Ortsbereich. Ein Beispiel ist das Crank-Nicolson-Verfahren,
bei dem im Ort eine Finite-Differenzen-Methode
und in Zeitrichtung die implizite Trapez-Methode
eingesetzt wird.
Beispiel
Die Problematik wird mit dem expliziten
und impliziten
Eulerverfahren und Schrittweite
anhand des linearen Anfangswertproblems
mit
erläutert. Die exakte Lösung ist
und für große
ist die Lösung beinahe konstant, also sehr glatt.
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- Das explizite
Eulerverfahren berechnet mit
die Näherungen
Diese liefern aber nur dann brauchbare Werte, wenn der Betrag des Vorfaktors von
kleiner eins ist,
, hier also für
. Für
liegt dagegen das Produkt
außerhalb des Stabilitätsgebiets, das bei
endet, siehe Eulersches Polygonzugverfahren. Für solche, zu großen Schrittweiten wachsen die Lösungen unbegrenzt an, vgl. Grafik.
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- Das implizite
Eulerverfahren berechnet dagegen von
ausgehend die Näherungen
Für jede positive Schrittweite
ist hier der Vorfaktor von
, der Bruch
, da
negativ ist. Denn das Stabilitätsgebiet des impliziten Eulerverfahrens umfasst die ganze linke komplexe Halbebene, das Verfahren ist A-stabil.
- Die beiden Diagramme zeigen jeweils die exakte Lösung in blau, eine
Näherungslösung mit kleiner Schrittweite
in grün und die Näherungslösungen mit
in rot.
Beim expliziten Eulerverfahren wachsen die roten Näherungen immer weiter an, während auch diese groben Näherungen beim impliziten Eulerverfahren in der Nähe der exakten Lösung bleiben.
Erweiterte Stabilitätsbegriffe
Für eine genauere Klassifikation numerischer Verfahren bei steifen Anfangswertproblemen wurden in der Literatur verschiedene Stabilitätsbegriffe eingeführt, die sich in der Regel an unterschiedlichen Testgleichungen orientieren. Dazu gehören die
- Gleichung von Dahlquist
mit
. Ihre Lösungen
gehen alle gegen null für
.
- Prothero-Robinson-Gleichung
mit
und einer glatten Funktion
. Die Lösung dieser Gleichung ist
. Für sehr kleine Realteile
nähern sich alle Lösungen sehr schnell der Funktion
an.
- Die nichtlineare dissipative Gleichung
, bei der die rechte Seite
eine einseitige Lipschitzbedingung erfüllt,
Im Unterschied zur obigen Lipschitzbedingung sind bei der Konstanten
auch negative Werte möglich. Eine Folge der einseitigen Lipschitzbedingung ist, dass für die Differenz von zwei Lösungen
der Differentialgleichung die Schranke
gilt, und sich diese für
und wachsendes
also immer weiter annähern.
Bei numerischen Verfahren ist es vorteilhaft, wenn sich die numerischen Approximationen bei Testgleichungen im Wesentlichen so wie die exakten Lösungen verhalten. Dementsprechend fordert der Begriff
- A-Stabilität,
dass Näherungslösungen bei der ersten Testgleichungen gegen Null gehen für
,
- B-Stabilität,
dass sich zwei Näherungslösungen der dritten Testgleichung mit
nicht voneinander entfernen für
.
Für implizite Runge-Kutta-Verfahren gibt es mit dem Begriff Algebraische Stabilität ein hinreichendes Kriterium für B-Stabilität.
Numerische Verfahren für steife Anfangswertprobleme
Für steife Anfangswertprobleme sind implizite Verfahren effizienter als explizite (das kann man quasi auch als Definition des Begriffs "steif" ansehen). Spezielle Klassen sind
- implizite Runge-Kutta-Verfahren
- Rosenbrock-Wanner-Verfahren
- BDF-Verfahren
Da bei impliziten Verfahren die Auflösung der nichtlinearen Gleichungssysteme einen hohen Aufwand erfordert, wurden auch linear-implizite Einschrittverfahren entwickelt wie die genannten Rosenbrock-Wanner-Verfahren (ROW-Methoden).
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 30.09. 2019