Vollständigkeit (Logik)
Der Begriff Vollständigkeit hat in der Logik verschiedene Bedeutungen. Er bezeichnet zwei unterschiedliche Eigenschaften formaler Systeme bzw. Kalküle:
- Vollständigkeit von Theorien
- Vollständigkeit von Kalkülen
Daneben wird dieser Begriff auch im Sinne der
- funktionalen Vollständigkeit von Junktorenmengen
benutzt.
Vollständigkeit von Theorien
Definition
Unter einer Theorie versteht man eine echte Teilmenge
von Sätzen einer Sprache
der Prädikatenlogik
erster Stufe, die bezüglich der Folgerungsrelation
(deduktiv) abgeschlossen ist, das heißt, aus
folgt bereits
für alle Sätze
der Sprache. Ist
ein Modell, so ist offenbar
eine Theorie. Man nennt eine Theorie vollständig, wenn sie für jeden Satz
entweder diesen oder seine Negation
enthält. In diesem Sinne lässt eine vollständige Theorie keine Fragen der Form
„gilt
oder
in der Theorie
?“
offen.
Charakterisierung
Folgende Aussagen über einer Theorie
sind äquivalent:
ist vollständig, das heißt für alle Sätze
gilt
oder
ist maximal, das heißt für alle Theorien
mit
gilt
.
- Für jedes Modell
von
gilt
- Je zwei Modelle von
sind elementar äquivalent.
Beispiele
Es sei
die Theorie der dichten
Ordnungen, das heißt die Signatur ist
und
ist die Menge aller Sätze aus
,
die aus folgenden vier Sätzen (Axiomen der dichten Ordnung) hergeleitet werden
können.
(Irreflexivität)
(Transitivität)
(Linearität der Ordnung)
(Dichtheit)
Diese Theorie ist nicht vollständig, denn die Frage, ob es kleinste oder
größte Elemente gibt, bleibt offen. Erweitert man
zur Theorie
aller Sätze, die aus obigen vier und den zwei Sätzen
(es gibt kein kleinstes Element)
(es gibt kein größtes Element),
so erhält man eine vollständige Theorie, denn mit Hilfe des Satzes von Fraïssé kann man die elementare Äquivalenz von je zwei Modellen nachweisen, wie dort ausgeführt ist. Dies hätte man auch leicht mit dem Kriterium von Vaught nachweisen können; dieses liefert weitere dort behandelte Beispiele wie die Theorie der algebraisch abgeschlossenen Körper. Die Quantorenelimination ist ein weiteres Verfahren, mit dem man Vollständigkeitsbeweise führen kann.
Entscheidbarkeit
Vollständige Theorien mit abzählbarer
Signatur und einer rekursiv
aufzählbaren Axiomatisierung sind entscheidbar. Um dies
einzusehen, setze man eine Aufzählung sämtlicher Sätze der vorgegebenen Theorie
in Gang, indem man systematisch alle Beweise erzeugt. Ist
ein Satz, so erscheint in dieser Aufzählung irgendwann
oder
,
denn die Theorie ist ja vollständig. Dann breche man die Aufzählung ab und
antworte
,
falls
in der Aufzählung erschienen ist, anderenfalls antworte man
.
Dieser Algorithmus entscheidet offenbar die Frage, ob
.
Vollständigkeit von Kalkülen
Umgangssprachlich ausgedrückt heißt ein formales
System (ein Kalkül) semantisch vollständig, wenn jedes richtige
Theorem auch abgeleitet werden kann. Präziser kann man das wie folgt
beschreiben. Sei
die Ableitungsrelation;
sie wird rein syntaktisch mit Hilfe der Regeln des formalen Systems definiert,
im Falle der Prädikatenlogik z.B. durch den Sequenzenkalkül.
Hierbei handelt es sich um Regeln für die Zeichenmanipulation.
Dazu gibt es die Ebene der Semantik
und des in diesen Bereich gehörenden Begriffs der logischen Folgerung,
ausgedrückt durch das Symbol der semantischen Folge
,
das z.B. in der Semantik
der Aussagenlogik oder der Semantik
der Prädikatenlogik erklärt wird. Die formale
Semantik ist Gegenstand der auf Alfred
Tarski zurückgehenden Modelltheorie.
Von zentralem Interesse in der formalen Logik ist nun das Verhältnis zwischen
(syntaktischer) Ableitung
und (semantischer) Folgerung
:
Semantische Vollständigkeit bedeutet, dass aus
folgt.
Die Umkehrung, dass also aus
stets
folgt, bezeichnet man als Korrektheit
(auch semantische Korrektheit) eines formalen Systems.
Für konkrete formale Systeme ist die Korrektheit meist einfach zu beweisen, denn man achtet schon bei der Konstruktion des formalen Systems darauf, dass jede einzelne Regel in diesem Sinne korrekt ist. Ein Vollständigkeitsbeweis erfordert meist tiefliegendere Untersuchungen. Der Vollständigkeitssatz für die Prädikatenlogik erster Stufe wurde 1928 von Kurt Gödel bewiesen (Gödelscher Vollständigkeitssatz). Eine wichtige Beweismethode stammt von Leon Henkin aus dem Jahre 1949, Satz von Henkin.
Funktionale Vollständigkeit von Junktorenmengen
Mit funktionaler
Vollständigkeit bezeichnet man die Eigenschaft einer Menge von Junktoren
eines logischen Systems, alle Junktoren des Systems darstellen zu können. In der
klassischen Aussagenlogik ist zum Beispiel die Junktorenmenge
funktional vollständig, d.h. es lassen sich alle denkbaren Junktoren
alleine aus Konjunktion
und Negation ausdrücken.
Ein weiteres vollständiges System von Junktoren besteht allein aus dem Shefferschen Strich. Auch das aus einzig dem Junktor Peirce-Operator bestehende System ist vollständig.
Literatur>
- H.D. Ebbinghaus, J. Flum, W. Thomas: Einführung in die mathematische Logik. BI-Wiss. Verlag, 1992, ISBN 3-411-15603-1
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 01.04. 2021