Theorie des Übergangszustandes

Reaktionskoordinaten-Diagramm für die Reaktion zwischen Brommethan und dem Hydroxidanion

Die Theorie des Übergangszustandes[1] (englisch Transition state theory, TST), auch Eyring-Theorie genannt (nach Henry Eyring,[2] 1901–1981), ist eine molekulare Theorie zur Reaktionskinetik. Sie wurde hergeleitet unter Berücksichtigung molekularer Größen, der Zustandssummen, und ermöglicht die Bestimmung der absoluten Reaktionsgeschwindigkeitskonstanten einer chemischen Reaktion. Diese Reaktionsrate kann dann in einer Ratengleichung verwendet werden. Zu den Begründern der Theorie zählen neben Eyring in Princeton Michael Polanyi und Meredith Gwynne Evans in England.

Die Edukte sind von den Produkten durch einen Potentialwall (Aktivierungsbarriere) getrennt, der einen Sattelpunkt auf der Potentialhyperfläche darstellt. Die Reaktion der Edukte über den Übergangszustand zu den Produkten verläuft entlang einer Trajektorie (siehe dazu auch Phasenraumanalyse) der Reaktionskoordinate (Weg zwischen den Edukten und Produkten mit jeweils minimaler Änderung der potentiellen Energie). Der Punkt höchster potentieller Energie auf dieser Reaktionskoordinate ist der Übergangszustand. Der Begriff Aktivierter Komplex bezeichnet die Anordnung der Teilchen im Übergangszustand (es handelt sich nicht um einen Komplex im Sinne des Artikels Komplexchemie)[3]. Kramers Theorie zur Reaktionskinetik erweitert die TST.

Die wichtigsten Annahmen, die der TST zugrunde liegen, sind:

Als Ergebnis der Herleitung ergibt sich die Eyring-Gleichung:

{\displaystyle k=\kappa \cdot {\frac {k_{\text{B}}\cdot T}{h}}\cdot K^{\ddagger }}

{\displaystyle \kappa } = Transmissionskoeffizient (nicht im Sinne von Optik), {\displaystyle k_{\text{B}}} = Boltzmann-Konstante, {\displaystyle T} = Temperatur, {\displaystyle h} = Planck-Konstante, {\displaystyle K^{\ddagger }} = Gleichgewichtskonstante des Übergangszustandes.

Die TST erklärt den Mechanismus der Katalyse: durch eine Erniedrigung der Aktivierungsenergie wird die Reaktionsgeschwindigkeitskonstante erhöht.

Herleitung

Die Herleitung erfolgt für eine Beispielreaktion, in der die Edukte {\displaystyle A} und {\displaystyle B} zum Produkt {\displaystyle P} reagieren. Als Zwischenstufe wird der Übergangszustand {\displaystyle C^{\ddagger }} definiert.

{\displaystyle \mathrm {A+B\ \rightleftharpoons \ C^{\ddagger }\ \rightarrow \ P} }

Die Reaktionsgeschwindigkeit wird als Produktbildungsgeschwindigkeit definiert,

{\displaystyle {\frac {\mathrm {d} \mathrm {[P]} }{\mathrm {d} t}}=k^{\ddagger }\cdot \mathrm {[C^{\ddagger }]} }

wobei die relative Aktivität des Übergangszustandes {\displaystyle \mathrm {[C^{\ddagger }]} } durch die Gleichgewichtskonstante des vorgelagerten Gleichgewichtes (gemäß dem Reaktionsquotienten)

{\displaystyle K^{\ddagger }=\mathrm {\frac {[C^{\ddagger }]}{[A]\cdot [B]}} =\exp(-\Delta {G^{\ddagger }}^{\circ }/(k_{\mathrm {B} }T))}

und die Konzentrationen von A und B ersetzt wird. Es ergibt sich:

{\displaystyle {\frac {\mathrm {d} \mathrm {[P]} }{\mathrm {d} t}}=k^{\ddagger }\cdot K^{\ddagger }\mathrm {\cdot [A]\cdot [B]} }

Man fasst zusammen und bezieht die Produktbildungsgeschwindigkeit auf die Edukte {\displaystyle \mathrm {A} } und >{\displaystyle \mathrm {B} }

{\displaystyle {\frac {\mathrm {d} \mathrm {[P]} }{\mathrm {d} t}}=k\mathrm {\cdot [A]\cdot [B]} }

und erhält für die Geschwindigkeitskonstante {\displaystyle k}

{\displaystyle k=k^{\ddagger }\cdot K^{\ddagger }}

Die weitere Herleitung unterscheidet sich je nach Lehrbuch. Es ergibt sich die oben angegebene Eyring-Gleichung.

Die Geschwindigkeitskonstante {\displaystyle k^{\ddagger }} ergibt sich als

{\displaystyle k^{\ddagger }=\kappa {\frac {k_{\mathrm {B} }\cdot T}{h}}}

wobei der Transmissionskoeffizient {\displaystyle \kappa } nicht abgeleitet wird, sondern als zusätzlicher Parameter zur Anpassung von experimentellen Ergebnissen an die berechneten eingeführt wird.

Damit gilt also:

{\displaystyle k=\kappa {\frac {k_{\mathrm {B} }\cdot T}{h}}\cdot K^{\ddagger }}.

mit {\displaystyle K^{\ddagger }=\mathrm {e} ^{-{\frac {\Delta {G^{\ddagger }}^{\circ }}{k_{\mathrm {B} }T}}}} und {\displaystyle \Delta {G^{\ddagger }}^{\circ }} der Differenz der Standard Gibbs Energie der Edukte und des Übergangszustandes.

{\displaystyle k^{\ddagger }={\frac {k_{\mathrm {B} }\cdot T}{h}}} hat bei {\displaystyle T=300\ \mathrm {K} } einen Wert von {\displaystyle 6{,}25\cdot 10^{12}\ \mathrm {s} ^{-1}} und wird als Frequenz-Faktor bezeichnet. Er liegt in der Größenordnung von Stoßfrequenzen der Moleküle in Flüssigkeiten.

Somit ergibt sich die endgültige Form:

{\displaystyle k=\kappa {\frac {k_{\mathrm {B} }\cdot T}{h}}\mathrm {e} ^{-{\frac {\Delta {G^{\ddagger }}^{\circ }}{k_{\mathrm {B} }T}}}}

Thermodynamische Formulierung

Mit der van’t-Hoffschen Reaktionsisobare {\displaystyle \Delta G^{\ddagger \circ }=-RT\ln K^{\ddagger }} ergibt sich:

{\displaystyle k={\frac {k_{\mathrm {B} }\cdot T}{h}}\cdot \mathrm {e} ^{-{\frac {\Delta G^{\ddagger \circ }}{RT}}}}

Die Legendre-Transformation {\displaystyle \Delta G^{\ddagger \circ }=\Delta H^{\ddagger \circ }-T\cdot \Delta S^{\ddagger \circ }} der Gibbs-Helmholtz-Gleichung erlaubt eine Darstellung als:

{\displaystyle k={\frac {k_{\mathrm {B} }\cdot T}{h}}\cdot \mathrm {e} ^{\frac {\Delta S^{\ddagger \circ }}{R}}\cdot e^{-{\frac {\Delta H^{\ddagger \circ }}{RT}}}}

Aus der Arrhenius-Gleichung {\displaystyle k=A\cdot \mathrm {e} ^{\frac {-E_{A}}{\mathrm {R} \cdot T}}} ergibt sich eine formale Definition für die Aktivierungsenergie {\displaystyle E_{A}}:

{\displaystyle {\frac {d(\ln k)}{dT}}\equiv {\frac {E_{A}}{RT^{2}}}}

Analog lässt sich die Eyring-Gleichung unter Berücksichtigung der van’t-Hoffschen Reaktionsisobare {\displaystyle \left({\frac {d\ln k}{dT}}\right)_{P}={\frac {\Delta H}{RT^{2}}}} umschreiben:

{\displaystyle {\frac {d(\ln k)}{dT}}={\frac {1}{T}}+{\frac {\Delta E^{\ddagger \circ }}{RT^{2}}}}

Daraus folgt mit der Definition der Enthalpie {\displaystyle H=E+PV} (bei konstantem Druck):

{\displaystyle E_{A}=RT+\Delta E^{\ddagger \circ }=\Delta H^{\ddagger \circ }+RT-P(\Delta V^{\ddagger \circ })}

Für unimolekulare Reaktionen ist {\displaystyle \Delta V^{\ddagger \circ }=0} und für Reaktionen in Lösungen und kondensierter Materie näherungsweise Null:

{\displaystyle E_{A}=\Delta H^{\ddagger \circ }+RT}

Bei idealen Gasen ergibt sich für den präexponentiellen Faktor:

{\displaystyle A=\mathrm {e} ^{-(\Delta n^{\ddagger }-1)}{\frac {k_{\mathrm {B} }T}{h}}\mathrm {e} ^{\frac {\Delta S^{\ddagger \circ }}{R}}}

Kritik

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Eintrag zu Transition State Theory. In: IUPAC (Hrsg.): Compendium of Chemical Terminology. The “Gold Book”. doi:Extern 10.1351/goldbook.T06470 – Version: 2.3.3.
  2. H. Eyring: The Activated Complex in Chemical Reactions. In: J. Chem. Phys. 1935, 3, 107; doi:Extern 10.1063/1.1749604.
  3. Eintrag zu Activated Complex. In: IUPAC (Hrsg.): Compendium of Chemical Terminology. The “Gold Book”. :doi:Extern 10.1351/goldbook.A00092 – Version: 2.3.3.

Literatur

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Basierend auf einem Artikel in: Extern Wikipedia.de
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 26.03. 2024