5. Die zwei Richtungen in der modernen Physik und der deutsche Idealismus | Inhalt | 7. Ein russischer „idealistischer Physiker"

6. Die zwei Richtungen in der modernen Physik und der französische Fideismus

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In Frankreich hat die idealistische Philosophie nicht weniger entschlossen die Schwankungen der machistischen Physik aufgegriffen. Wir haben bereits gesehen, wie die Neokritizisten die „Mechanik" Machs aufgenommen haben: sie haben sofort den idealistischen Charakter der Grundlagen der Machschen Philosophie hervorgehoben. Der französische Machist Poincaré (Henri) hatte in dieser Hinsicht noch mehr Erfolg. Die reaktionärste idealistische Philosophie mit ausgesprochen fideistischen Schlußfolgerungen klammerte sich sogleich an seine Theorie. Ein Vertreter dieser Philosophie, Le Roy, argumentierte folgendermaßen: Die wissenschaftlichen Wahrheiten sind konventionelle Zeichen, Symbole; ihr habt die unsinnigen, „metaphysischen" Ansprüche auf die Erkenntnis der objek-


von Vorseite

Popsitivismus" (S. III) und verlegt den Schwerpunkt des Kampfes gegen sie auf den Nachweis der Außenwelts„hypothese" (Kap. II-VII), auf den Nachweis ihrer „[vom Wahrgenommenwerden unabhängigen Existenz]". Die Verneinung dieser „Hypothese" durch die Machisten führe diese häufig zum Solipsismus (S. 78-82 u. a.). Die Ansicht Machs, daß die „Empfindungen und ihre Komplexe, nicht aber eine Außenwelt" allein Gegenstand der Naturwissenschaften sind, bezeichnet Becher als „[Empfindungsmonismus]" und zählt diese Ansicht zu den „rein konszientionalistischen Richtungen" (S. 138). Dieser plumpe und unsinnige Ausdruck ist aus dem lateinischen conscientia, Bewußtsein, gebildet und bedeutet nichts anderes als philosophischer Idealismus (vgl. S. 156). In den letzten zwei Kapiteln seines Buches bringt E. Becher keinen schlechten Vergleich zwischen der alten mechanistischen Theorie und der neuen elektrischen Theorie der Materie und deren Weltbild („kinetisch-elastische" und „kinetisch­elektrische" Naturauffassung, wie sich der Verfasser ausdrückt). Die zuletzt angeführte Theorie, die auf der Elektronenlehre beruht, ist ein Schritt vorwärts in der Erkenntnis der Einheit der Welt; für sie sind „die Elemente der materiellen Welt elektrische [Ladungen]" (S. 223). „Jede rein kinetische Naturauffassung kennt nichts als eine Zahl bewegter Dinge, mögen diese Elektronen heißen oder wie auch immer; der Bewegungszustand dieser Dinge im folgenden Zeitteilchen ist durch den Lage- und Bewegungszustand im vorhergehenden Zeitteilchen vollständig gesetzmäßig bestimmt." (225.) Der Grundmangel des Becherschen Buches besteht darin, daß dem Verfasser der dialektische Materialismus absolut unbekannt ist. Diese Unkenntnis verleitet ihn oft zu ungereimtem und krausem Zeug, bei dem wir uns hier nicht aufhalten können.

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tiven Realität fallenlassen; so seid doch logisch und stimmt uns zu, daß die Wissenschaft nur auf einem Gebiet des menschlichen Handelns praktische Bedeutung hat, während der Religion eine nicht weniger wirkliche Bedeutung als der Wissenschaft auf einem anderen Gebiet des Handelns zukommt; die „symbolistische", machistische Wissenschaft hat kein Recht, die Theologie zu verneinen. H. Poincaré schämte sich dieser Schlußfolgerungen und griff sie in seinem Buch „Der Wert der Wissenschaft" besonders an. Man höre aber, welche erkenntnistheoretische Stellung er einnehmen mußte, um Bundesgenossen vom Schlage eines Le Roy loszuwerden. „Herr Le Roy", schreibt Poincaré, „erklärt den Verstand nur zu dem Zweck für unabänderlich machtlos, um anderen Quellen der Erkenntnis einen größeren Platz einzuräumen, z. B. dem Herzen, dem Gefühl, dem Instinkt oder dem Glauben." (214/215 [161].) „Ich kann ihm nicht bis zu Ende folgen": Die wissenschaftlichen Gesetze sind Konventionen, Symbole, doch „wenn die wissenschaftlichen ,Rezepte' als Regel des Handelns einen Wert haben, so deshalb, weil wir wissen, daß sie wenigstens im großen und ganzen Erfolge haben. Dieses zu wissen, heißt schon etwas wissen, und wenn dem so ist - wie kann man dann sagen, daß wir nichts wissen können?" (219 [164].)

H. Poincaré beruft sich auf das Kriterium der Praxis. Doch damit verschiebt er nur die Frage, löst sie aber nicht, denn man kann dieses Kriterium ebensogut im subjektiven wie im objektiven Sinn interpretieren. Le Roy erkennt dieses Kriterium für die Wissenschaft und die Industrie ebenfalls an; er verneint nur, daß dieses Kriterium die objektive Wahrheit beweist, denn ihm genügt diese Verneinung, um die subjektive Wahrheit der Religion neben der subjektiven (außerhalb der Menschheit nicht existierenden) Wahrheit der Wissenschaft anzuerkennen. H. Poincaré sieht, daß es nicht angeht, sich gegen Le Roy lediglich auf die Praxis zu berufen, und er geht zur Frage der Objektivität der Wissenschaft über: „Was ist das Kriterium der Objektivität der Wissenschaft? Es ist genau dasselbe wie das Kriterium unseres Glaubens an die äußeren Gegenstände. Diese sind insofern real, als die Empfindungen, die sie in uns hervorrufen (qu'ils nous font éprouver), uns untereinander durch ein gewisses unzerstörbares Bindemittel verknüpft scheinen und nicht durch einen flüchtigen i Zufall." (269/270 [204].)

Daß der Urheber einer solchen Betrachtung ein großer Physiker sein

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kann, ist wohl möglich. Absolut unbestreitbar aber ist, daß ihn als Philosophen nur die Woroschilow-Juschkewitsch ernst nehmen können. Man erklärte den Materialismus für vernichtet durch eine „Theorie", die sich schon beim ersten Ansturm des Fideismus unter die Fittiche des "Materialismus flüchtet! Denn es ist reinster Materialismus, wenn man der Meinung ist, daß die Empfindungen in uns durch reale Gegenstände hervorgerufen werden und daß der „Glaube" an die Objektivität der Wissenschaft der gleiche ist wie der „Glaube" an die objektive Existenz der äußeren Gegenstände.

„... Man kann zum Beispiel sagen, daß der Äther nicht weniger Realität besitzt als jeder beliebige äußere Körper." (270 [204].)

Welchen Lärm hätten die Machisten geschlagen, wenn das ein Materialist gesagt hätte! Wie viele faule Witze über „ätherischen Materialismus" u. ä. m. wären da gemacht worden! Aber schon fünf Seiten weiter orakelt der Begründer des neuesten Empiriosymbolismus: „Alles, was nicht Gedanke ist, ist das reine Nichts; denn wir können nichts denken als den Gedanken." (276 [209].) Sie irren, Herr Poincaré: Ihre Werke liefern den Beweis, daß es Leute gibt, die nur Unsinn denken können. Zu diesen Leuten gehört auch der bekannte Wirrkopf Georges Sorel, der behauptet, daß die „zwei ersten Teile" des Buches von Poincaré über den Wert der Wissenschaft „im Geiste Le Roys geschrieben" seien und daß sich die beiden Philosophen daher auf das Folgende „einigen" könnten: Der Versuch, die Identität von Wissenschaft und Welt herzustellen, ist eine Illusion; es ist unnötig, die Frage zu stellen, ob die Wissenschaft die Natur erkennen kann, es genügt, daß die Wissenschaft den von uns geschaffenen Mechanismen entspricht (Georges Sorel, „Les préoccupations métaphysiques des physiciens modernes" [Die metaphysischen Vorurteile der modernen Physiker], Paris 1907, p. 77, 80, 81).

Doch während es genügt, die „Philosophie" Poincares nur flüchtig zu erwähnen, ist es notwendig, bei dem Werk A. Reys länger zu verweilen. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß sich die zwei Grundrichtungen in der modernen Physik, die Rey als „konzeptualistisch" und „neomechanistisch" bezeichnet, auf den Unterschied zwischen idealistischer und materialistischer Erkenntnistheorie zurückführen lassen. Wir müssen uns nun ansehen, wie der Positivist Rey die Aufgabe löst, die der des Spiritualisten J. Ward und der Idealisten H. Cohen und E. v. Hartmann diame-

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entgegengesetzt ist, nämlich: nicht die philosophischen Fehler der neuen Physik, ihre Abweichung nach der Seite des Idealismus aufzugreifen, sondern diese Fehler zu korrigieren und zu beweisen, wie unberechtigt die idealistischen (und fideistischen) Schlußfolgerungen aus der neuen Physik sind.

Wie ein roter Faden zieht sich durch das ganze Werk Reys die Feststellung der Tatsache, daß der Fideismus (S. II, 17, 220, 362 u. a.) und der „phihsophische Idealismus" (200 [185]), der Skeptizismus im Hinblick auf die Rechte der Vernunft und der Wissenschaft (210, 220 [195, 203/204]), der Subjektivismus (311 [287/288]) usw. sich an die neue physikalische Theorie der „Konzeptualisten" (Machisten) geklammert haben. Und deshalb stellt A. Rey ganz richtig in den Mittelpunkt seiner Arbeit die Analyse der „Meinungen der Physiker über den objektiven Wert der Physik" (3 [3]).

Welches sind nun die Ergebnisse dieser Analyse?

Nehmen wir einen Grundbegriff, den Begriff der Erfahrung. Rey versichert, daß die subjektivistische Interpretation Machs (wir nehmen Mach der Einfachheit und Kürze halber als Vertreter der Schule, die Rey als konzeptualistisch bezeichnet) ein bloßes Mißverständnis sei. Allerdings gehöre es zu den „hauptsächlichen Neuheiten der Philosophie Ende des 19. Jahrhunderts", daß „der immer feinere, an Nuancen immer reichere Empirismus zum Fideismus, zum Supremat des Glaubens führt - derselbe Empirismus, der einst eine mächtige Waffe war im Kampf des Skeptizismus gegen die Behauptungen der Metaphysik. Hat man nicht im Grunde genommen durch unmerkliche Nuancen, allmählich, den realen Sinn des Wortes ,Erfahrung' entstellt? In Wirklichkeit führt uns die Erfahrung, wenn man sie in ihren Existenzbedingungen, in jener experimentellen Wissenschaft nimmt, durch die sie präzisiert und geläutert wird, zur Notwendigkeit und zur Wahrheit." (398 [368].) Zweifellos ist der ganze Machismus im weiten Sinne dieses Wortes nichts anderes als eine Entstellung des realen Sinnes des Wortes „Erfahrung" durch unmerkliche Nuancen! Wie jedoch korrigiert Rey diese Entstellung, der nur die Fideisten, nicht aber Mach selbst der Entstellung bezichtigt? Man höre: „Die Erfahrung ist nach der geläufigen Definition eine Erkenntnis des Objekts. In der physikalischen Wissenschaft ist diese Definition angebrachter als irgendwo anders ... Die Erfahrung ist das, worüber unser Geist keine

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Macht hat, was unsere Wünsche, unser Wille nicht verändern können, das, was gegeben ist, und was wir nicht schaffen. Die Erfahrung ist das Objekt gegenüber dem (en face du) Subjekt." (314 [290/291].)

Da habt ihr ein Musterbeispiel, wie Rey den Machismus verteidigt! Wie genial scharfsinnig war doch Engels, der den modernen Typus der Anhänger des philosophischen Agnostizismus und Phänomenalismus als „verschämte Materialisten" charakterisierte! Der Positivist und eifrige Phänomenalist Rey ist ein ausgezeichnetes Exemplar dieses Typus. Wenn die Erfahrung eine „Erkenntnis des Objekts" ist, wenn die „Erfahrung das Objekt gegenüber dem Subjekt ist", wenn die Erfahrung darin besteht, daß „etwas Äußeres (quelque chose du dehors) sich darbietet und dadurch sich aufdrängt" (se pose et en se posant s'impose, p. 324 [S. 299]), so läuft das offensichtlich auf den Materialismus hinaus! Rey s Phänomenalismus, sein eifriges Betonen, daß es nichts außer Empfindungen gebe, daß das Objektive das Allgemeingültige sei usw. usf. - das alles ist ein Feigenblatt, eine leere Redensart zur Bemäntelung des Materialismus, sobald man uns sagt:

„Objektiv ist das, was uns von außen gegeben, durch die Erfahrung aufgedrängt (impose) ist; das, was wir nicht erzeugen, sondern was unabhängig von uns entstanden ist und bis zu einem gewissen Grade uns selbst erzeugt." (320 [295/296].) Rey verteidigt den „Konzeptualismus", indem er den Konzeptualismus vernichtet! Die Widerlegung der idealistischen Schlußfolgerungen aus dem Machismus wird nur dadurch erreicht, daß der Machismus im Sinne eines verschämten Materialismus interpretiert wird. Nachdem Rey selber den Unterschied der beiden Richtungen in der modernen Physik zugegeben hat, bemüht er sich im Schweiße seines Angesichts, zugunsten der materialistischen Richtung alle Unterschiede zu verwischen. Zum Beispiel sagt Rey von der neomechanistischen Schule, daß sie in der Frage der Objektivität der Physik „nicht den geringsten Zweifel, nicht die geringste Unsicherheit" zulasse (237 [219]): „Hier" (d. h. auf dem Boden der Lehren dieser Schule) „ist man fern von allen Umwegen, die man vom Standpunkt der anderen Konzeptionen der Physik machen mußte, um diese Objektivität behaupten zu können."

Eben diese „Umwege" des Machismus bemäntelt Rey, überzieht sie in seiner ganzen Darstellung mit einem Schleier. Der Grundzug des Materia-

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lisinus ist eben, daß er von der Objektivität der Wissenschaft, von der Anerkennung der objektiven Realität, die durch die Wissenschaft widergespiegelt wird, ausgeht, während der Idealismus der „Umwege" bedarf, um die Objektivität so oder so aus dem Geist, dem Bewußtsein, dem „Psychischen" „abzuleiten". Die neomechanistische (d. h. die herrschende) Schule in der Physik, schreibt Rey, „glaubt an die Realität der physikalischen Theorie in demselben Sinn, wie die Menschheit an die Realität der Außenwelt glaubt" (p. 234 [S. 249], § 22: These). Für diese Schule „will die Theorie das Abbild (le décalque) des Objekts sein" (235 [217]).

Mit Recht. Und dieser Grundzug der „neomechanistischen" Schule ist nichts anderes als die Grundlage der materialistischen Erkenntnistheorie. Kein Abrücken Reys von den Materialisten, keinerlei Beteuerungen seinerseits, daß die Neomechanisten eigentlich auch Phänomenalisten seien usw., können diese entscheidende Tatsache abschwächen. Der wesentliche Unterschied zwischen den Neomechanisten (den mehr oder weniger verschämten Materialisten) und den Machisten besteht gerade darin, daß die Machisten von dieser Erkenntnistheorie abweichen und dadurch unvermeidlich in den Fideismus hineinstolpern.

Betrachten wir, wie sich Rey zur Lehre Machs von der Kausalität und Naturnotwendigkeit verhält. Nur auf den ersten Blick, versichert Rey, scheint es, Mach „nähere sich dem Skeptizismus" (76 [69]) und dem „Subjektivismus" (76 [70]); diese „Zweideutigkeit" (equivoque, p. 115 [S. 107]) verflüchtige sich, sobald man die Lehre Machs in ihrer Gesamtheit nimmt. Und Rey nimmt sie in ihrer Gesamtheit, er führt eine Reihe von Zitaten, sowohl aus der „Wärmelehre" als auch aus der „Analyse der Empfindungen" an, verweilt speziell beim Kapitel über die Kausalität im ersten der genannten Werke, aber ... aber er hütet sie??, die entscheidende Stelle zu zitieren, die Erklärung Machs, daß es keine physikalisdve, sondern nur eine logisdhe Notwendigkeit gäbe! Darauf kann man nur sagen, daß dies keine Interpretation, sondern eine Beschönigung Machs, daß es eine Verwischung der Unterschiede zwischen „Neomechanismus" und Machismus ist. Reys Schlußfolgerung lautet: „Mach akzeptiert die Analyse und die Folgerungen von Hume, Mill und allen Phänomenalisten, nach deren Ansicht die Kausalität nichts Substantielles an sich habe und nur eine Denkgewohnheit sei. Mach akzeptiert die Grundthese des Phänomenalismus, von der der folgende Satz eine einfache Konsequenz ist: es existiert nichts außer Emp-

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findungen. Mach fügt aber in durchaus objektivistischem Sinne hinzu: die Wissenschaft entdeckt bei der Untersuchung der Empfindungen in ihnen permanente und gemeinsame Elemente, die, obwohl abstrahiert von den Empfindungen, die gleiche Realität wie diese haben, da sie durch sinnliche Beobachtung aus den Empfindungen geschöpft sind. Und diese gemeinsamen und permanenten Elemente, wie die Energie und deren Verwandlungen, bilden die Grundlage für die Systematisierung der Physik." (117 [108/109].)

Demnach übernimmt Mach die subjektivistische Kausalitätstheorie von Hume und interpretiert sie im objektivistischen Sinne! Rey macht Ausflüchte, verteidigt Mach durch Berufung auf seine Inkonsequenz und meint schließlich, daß bei einer „realen" Auslegung der Erfahrung diese zur „Notwendigkeit" führe. Erfahrung aber ist das, was von außen gegeben ist, und wenn die Naturnotwendigkeit, die Naturgesetze dem Menschen auch von außen, aus der objektiv-realen Natur gegeben sind, dann verschwindet selbstverständlich jeder Unterschied zwischen Machismus und Materialismus. Rey verteidigt den Machismus gegen den „Neomechanismus" dadurch, daß er auf der ganzen Linie vor letzterem kapituliert, wobei er nur das Wort Phänomenalismus, nicht aber das Wesen dieser Richtung verteidigt.

Poincaré zum Beispiel leitet ganz im Geiste Machs die Naturgesetze - sogar das, daß der Raum dreidimensional ist - aus der „Bequemlichkeit" ab. Doch dies bedeute durchaus nicht „willkürlich", beeilt sich Rey zu „verbessern". Nein, „bequem" bedeute hier „Anpassung an das Objekt" (hervorgehoben von Rey, S. 196 [S. 180]). Wahrhaftig, eine großartige Abgrenzung der beiden Schulen und „Widerlegung" des Materialismus... „Ist auch die Theorie Poincarés logisch durch eine unüberbrückbare Kluft von einer ontologischen Interpretation der mechanistischen Schule" (d. h. von dem Bekenntnis dieser Schule, daß die Theorie das Abbild des Objekts sei) „getrennt, ist sie auch geeignet, dem philosophischen Idealismus als Stütze zu dienen, so ist sie doch wenigstens auf dem Boden der Wissenschaft sehr wohl im Einklang mit der allgemeinen Entwicklung der Ideen der klassischen Physik, mit der Tendenz, die Physik als objektives Wissen zu betrachten, ebenso objektiv wie die Erfahrung, d. h. wie die Empfindungen, denen die Erfahrung entspringt." (200 [185].)

Einerseits ist es unmöglich, nicht zu kennen, anderseits muß man aner-

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kennen! Einerseits trennt Poincaré eine unüberbrückbare Kluft vom Neomechanismus, obwohl Poincaré in der Mitte zwischen dem „Konzeptualismus" Machs und dem Neomechanismus steht, während Mach durch gar keine Kluft vom Neomechanismus getrennt sein soll. Anderseits läßt sich Poincaré mit der klassischen Physik, die nach Reys eigenen Worten ganz und gar auf dem Standpunkt des „Mechanismus" steht, durchaus in Einklang bringen. Einerseits ist Poincarés Theorie geeignet, als Stütze des philosophischen Idealismus zu dienen, anderseits ist sie mit der objektiven Interpretation des Wortes „Erfahrung" zu vereinen. Einerseits haben diese bösen Fideisten den Sinn des Wortes „Erfahrung" durch unmerkliche Abweichungen, durch ihr Abgehen von der richtigen Ansicht, daß „Erfahrung das Objekt sei", verdreht; anderseits bedeutet die Objektivität der Erfahrung nur, daß Erfahrung Empfindung sei, womit sowohl Berkeley als auch Fichte durchaus einverstanden sind!

Rey hat sich deshalb verrannt, weil er sich eine unlösbare Aufgabe gestellt hat: den Gegensatz zwischen der materialistischen und der idealistischen Schule in der neuen Physik zu „versöhnen". Er versucht, den Materialismus der neomechanistischen Schule dadurch abzuschwächen, daß er die Ansichten der Physiker, die ihre Theorie für ein Abbild des Objekts hal­ten, als Phänomenalismus ausgibt.* Und er versucht, den Idealismus der



* Der „Versöhner" A. Rey hat nicht nur die Fragestellung des philosophi­schen Materialismus verschleiert, sondern er hat auch die prägnantesten materialistischen Erklärungen der französischen Physiker unbeachtet gelassen. Er ließ zum Beispiel den 1902 verstorbenen Alfred Cornu unerwähnt. Dieser Physiker begegnete der Ostwaldschen „Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus" mit einer geringschätzigen Bemerkung über die prätentiöse feuilletonistische Behandlung des Problems. (Siehe „Revue generale des sciences", 1895, p. 1030/1031.) Auf dem internationalen Physikerkongreß im Jahre 1900 in Paris führte A. Comu aus; „... Je mehr wir die Naturerscheinungen erkennen, desto mehr entwickelt und präzisiert sich die kühne kartesianische Auffassung des Weltmechanismus: es gibt in der physischen Welt nichts außer Materie und Bewegung. Das Problem der Einheit der physischen Kräfte .. . tritt nach den großen Entdeckungen, die das Ende des 19. Jahrhunderts auszeichneten, wieder in den Vordergrund. Das Hauptaugenmerk unserer modernen führenden Wissenschaftler - Faraday, Maxwell, Hertz (wenn wir nur von den bereits verstorbenen berühmten Physikern sprechen wollen) -ist darauf gerichtet, die Natur immer exakter zu bestimmen und die Eigen-weiter..

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konzeptualistischen Schule auf die Weise abzuschwächen, daß er die entschiedensten Erklärungen ihrer Anhänger ausschaltet und die übrigen im Sinne eines verschämten Materialismus interpretiert. Wie fiktiv, wie mühselig herausgepreßt dabei Reys Verleugnen des Materialismus ist, zeigt zum Beispiel seine Beurteilung der theoretischen Bedeutung der Differentialgleichungen von Maxwell und Hertz. Die Machisten sehen in dem Umstand, daß diese Physiker ihre Theorie auf ein System von Gleichungen beschränken, eine Widerlegung des Materialismus: Gleichungen - und weiter nichts, keine Materie, keine objektive Realität, einzig und allein Symbole. Boltzmann widerlegt diese Ansicht und ist sich bewußt, daß er die phänomenologische Physik widerlegt. Rey widerlegt diese Ansicht und glaubt den Phänomenalismus zu verteidigen! „Man darf", sagt Rey, „Maxwell und Hertz nicht deshalb aus der Zahl der ,Mechanisten' ausschließen, weil sie sich auf Gleichungen, ähnlich den Differentialgleichungen der Dynamik von Lagrange, beschränkten. Das bedeutet nicht etwa, daß man nach Meinung von Maxwell und Hertz eine mechanische Theorie der Elektrizität nicht auf reale Elemente gründen könne. Im Gegenteil, die Möglichkeit hierfür wird durch die Tatsache bewiesen, daß die elektrischen Erscheinungen durch eine Theorie dargestellt werden, deren Form mit der allgemeinen Form der klassischen Mechanik identisch ist..." (253 [234].) Die Unbestimmtheit der jetzigen Lösung des Problems „wird sich in dem Maße vermindern, in welchem die Natur jener quantitativen Einheiten, d. h. der Elemente, welche in die Gleichungen eingehen, exakter hervortreten wird". Der Umstand, daß diese oder jene Formen der materiellen Bewegung noch unerforscht sind, ist für Rey kein Anlaß, die Materialität der Bewegung zu bestreiten. Die „Gleichartigkeit der Materie"



scharten der unwägbaren 'Materie (matiere subtile), des Trägers der Welt­energie, zu enträtseln ... Die Rückkehr zu den kartesianischen Ideen ist offensichtlich ..." („Rapports presentes au Congres International de Physique" [Vortrage, gehalten auf dem Internationalen Physikerkongreß], Paris 1900, t. 4me, p. 7.) Lucien Poincaré bemerkt in seinem Buch über die „Moderne Physik" mit Recht, daß diese kartesianische Idee von den Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts aufgegriffen und weiterentwickelt wurde (Lucien Poincare, „La physique moderne", Paris 1906, p. 14 [deutsche Ausgabe Leipzig 1908, S. 9]), aber weder dieser Physiker noch A. Cornu wissen davon, wie die dialektischen Materialisten Marx und Engels diese Grundthese des Materialismus von den Einseitigkeiten des m edw Mischen Materialismus befreit haben.

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(262 [243]), nicht als Postulat, sondern als Resultat der Erfahrung und der Entwickking der Wissenschaft, die „Gleichartigkeit des Objekts der Physik", das ist die Voraussetzung für die Anwendbarkeit von Messungen und mathematischen Berechnungen.

Und nun Reys Beurteilung des Kriteriums der Praxis in der Erkenntnistheorie: „Im Gegensatz zu den Behauptungen des Skeptizismus sind wir berechtigt zu sagen, daß sich der praktische Wert der Wissenschaft aus ihrem theoretischen Wert ergibt.. ." (368 [340].) Rey zieht vor zu verschweigen, daß diese Behauptungen des Skeptizismus ganz unzweideutig von Mach, Poincaré und ihrer ganzen Schule akzeptiert worden sind ... „Der eine wie der andere Wert sind die zwei untrennbaren und streng parallelen Seiten ihres objektiven Wertes. Sagt man, ein Naturgesetz habe einen praktischen Wert,... so läuft das im Grunde auf dasselbe hinaus, als wenn man sagt, dieses Naturgesetz habe objektive Bedeutung ... Die Einwirkung auf das Objekt schließt eine Modifikation des Objekts, eine Reaktion des Objekts ein, die einer Erwartung oder Voraussicht entspricht, auf Grund deren wir die Einwirkung unternommen haben. Folglich enthält diese Erwartung oder Voraussicht Elemente, die durch das Objekt und durch die Einwirkung auf dasselbe kontrolliert werden ... In diesen verschiedenen Theorien steckt also ein Teil des Objektiven." (368 [340 bis 341].) Das ist eine durchaus materialistische und nur materialistische Erkenntnistheorie, denn die anderen Standpunkte, und insbesondere der Machismus, leugnen die objektive, d. h. die vom Menschen und von der Menschheit unabhängige Bedeutung des Kriteriums der Praxis.

Das Fazit: Rey ist an die Frage durchaus nicht von derselben Seite wie Ward, Cohen und Co. herangetreten, aber er gelangte zu den gleichen Ergebnissen: zur Anerkennung der materialistischen und der idealistischen Tendenz als Grundlage für die Trennung der beiden Hauptsdiulen in der modernen Physik.



Datum der letzten Änderung : Jena, den: 17.03.2013