4. Hat die Natur vor dem Menschen existiert? | Inhalt | 6. Über den Solipsismus von Mach und Avenarius

5. Denkt der Mensch mit dem Gehirn?

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Basarow bejaht diese Frage mit aller Entschiedenheit. „Wenn man", schreibt er, „der These Plechanows: ,das Bewußtsein ist ein innerer (? -Basarow) Zustand der Materie', eine befriedigendere Form gäbe, z. B.: ,jeder psychische Vorgang ist eine Funktion des Gehirnprozesses', so würden sich weder Mach noch Avenarius dagegen wenden..." („Beiträge ,zur' Philosophie des Marxismus", 29.)

Für die Maus gibt es kein stärkeres Tier als die Katze. Für die russischen Machisten gibt es keinen Materialisten, der stärker wäre als Plechanow. Hat denn wirklich nur Plechanow oder hat Plechanow zum erstenmal jene materialistische These, daß das Bewußtsein ein innerer Zustand der Materie ist, aufgestellt? Und wenn Plechanows Formulierung des Materialismus Basarow mißfiel, warum setzte er sich dann mit Plechanow auseinander und nicht mit Engels, nicht mit Feuerbach?

Weil die Machisten die Wahrheit einzugestehen fürchten. Sie bekämpfen den Materialismus, tun aber so, als ob sie Plechanow bekämpfen: eine feige und prinzipienlose Methode.

Gehen wir aber zum Empiriokritizismus über. Avenarius „würde sich nicht wenden" dagegen, daß das Denken eine Funktion des Gehirns ist. Diese Worte Basarows enthalten eine direkte Unwahrheit. Avenarius wendet sich nicht nur gegen die materialistische These, er schafft eine ganze „Theorie", um gerade diese These zu widerlegen. „Das Gehirn", sagt Avenarius im „Menschlichen Weltbegriff", „ist kein Wohnort, Sitz, Erzeuger, kein Instrument oder Organ, kein Träger oder Substrat usw. des Denkens" (S. 76, von Mach beifällig zitiert in seiner „Analyse der Empfindungen", S. 32 [S. 22]). „Das Denken ist kein Bewohner oder Befehlshaber, keine andere Hälfte oder Seite usw., aber auch kein Produkt, ja nicht einmal eine physiologische Funktion oder nur ein Zustand überhaupt des Gehirns." (Ebenda.) Nicht weniger entschieden drückt sich Avenarius in seinen „Bemerkungen" aus: Die „Vorstellungen" „sind keine (physiologischen, psychischen, psychophysischen) ,Funktionen' des Gehirns" (§ 115, S. 419 der zit. Abhandlung). Die Empfindungen sind keine „psychischen Funktionen des Gehirns" (§ 116).

Also ist das Gehirn nach Avenarius nicht Organ des Denkens, das Denken keine Funktion des Gehirns. Nehmen wir Engels, und wir werden

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sofort diametral entgegengesetzte, offen materialistische Formulierungen finden. „Denken und Bewußtsein", sagt Engels im „Anti-Dühring", sind „Produkte des menschlichen Hirns" (S. 22 der fünften dtsch. Aufl.).35 Der gleiche Gedanke wird mehrmals in diesem Werk wiederholt. Im „Ludwig Feuerbach" lesen wir folgende Darstellung der Ansichten Feuerbachs und Engels': „...daß die [stoffliche], sinnlich wahrnehmbare Welt, zu der wir selbst gehören, das einzig Wirkliche", und daß „unser Bewußtsein und Denken, so übersinnlich es scheint, das [Erzeugnis] eines stofflichen, körperlichen Organs, des Gehirns ist. Die Materie ist nicht ein Erzeugnis des Geistes, sondern der Geist ist selbst nur das höchste Produkt der Materie. Dies ist natürlich reiner Materialismus." (4. dtsch. Aufl., S. 18.) Oder S. 4, wo die Rede ist von der bloßen Widerspiegelung der Natur „im denkenden Hirn"36 usw. usf.

Diesen materialistischen Standpunkt lehnt Avenarius ab, indem er das „Denken des Gehirns" als „Fetischismus der 'Naturwissenschaft" bezeichnet („Der menschliche Weltbegriff", 2. dtsch. Aufl., S. 70). Avenarius macht sich also nicht die geringsten Illusionen darüber, daß er in diesem Punkt von der Naturwissenschaft entschieden abweicht. Ebenso wie Mach und alle Immanenzphilosophen gibt er zu, daß die Naturwissenschaft auf einem spontan, unbewußt materialistischen Standpunkt steht. Er gibt zu und erklärt ausdrücklich, daß er von der „herrschenden Psychologie" unbedingt abweicht („Bemerkungen", S. 150 und viele andere Stellen). Diese herrschende Psychologie begeht die unerlaubte „Introjektion" -so lautet ein neues Wort, das sich unser Philosoph abgequält hat -, d. h. die Hineinverlegung des Denkens in das Gehirn bzw. der Empfindungen in uns. Diese „zwei Worte" ([in uns]), sagt Avenarius ebenda, enthalten in sich jene [Annahme], die von dem Empiriokritizismus bestritten wird. „Diese [Hineinverlegung] des ,Gesehenen' usw. in den Menschen ist es also, welche als Introjektion bezeichnet wird." (S. 153, § 45.)

Die Introjektion weicht „prinzipiell" von dem „[natürlichen Weltbegriff]“ ab, indem sie „aus dem ,[vor mir]' (S. 154) ein ,In mir' macht, aus dem ,Bestandteil der (realen) Umgebung' einen ,Bestandteil des (ideellen) Denkens'" (ebenda). „Aus dem Amechanischen" (ein neues Wort für: Psychisches), „das sich [im Vorgefundenen] frei und klar offenbart, macht die Introjektion ein im Zentralnervensystem geheimnisvoll

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sich Verbergendes" (Latitierendes - wie Avenarius mit einem „neuen" Wort sagt) (ebenda).

Hier haben wir dieselbe Mystifikation vor uns, die wir schon bei der sattsam bekannten Verteidigung des „naiven Realismus" durch die Empiriokritiker und Immanenzphilosophen gesehen haben. Avenarius handelt nach dem Rat des Turgenjewschen Gauners37 : Man muß vor allem jene Laster schelten, denen man selber frönt. Avenarius sucht sich den Anschein zu geben, als bekämpfe er den Idealismus: Aus der Introjektion werde gewöhnlich der philosophische Idealismus abgeleitet, man verwandle die Außenwelt in eine Empfindung, eine Vorstellung usf.; ich aber verteidige den „naiven Realismus", die gleiche Realität alles Gegebenen, sowohl des „Ich" wie der Umgebung, ohne die Außenwelt in das menschliche Hirn hineinzuverlegen.

Hier haben wir ganz dieselbe Sophistik, die wir an dem Beispiel der berüchtigten Koordination beobachtet haben. Während Avenarius die Aufmerksamkeit des Lesers durch Ausfälle gegen den Idealismus ablenkt, verteidigt er mit etwas anderen Worten in Wirklichkeit denselben Idealismus: Das Denken ist keine Funktion des Gehirns, das Gehirn nicht Organ des Denkens, die Empfindungen sind keine Funktion des Nervensystems, nein, die Empfindungen - das sind „Elemente", die in der einen Verbindung nur psychische, in einer anderen Verbindung aber (obwohl „identische" Elemente) physische sind. Mit einer neuen verworrenen Termino­logie, neuen ausgeklügelten Worten, die eine angeblich neue „Theorie" ausdrücken sollen, ist Avenarius nicht vom Fleck gekommen und schließlich zu seiner idealistischen Grundthese zurückgekehrt.

Und wenn unsere russischen Machisten (z. B. Bogdanow) die „Mystifikation" nicht bemerkt haben und in der „neuen" Verteidigung des Idealismus seine Widerlegung sahen, so finden wir in der durch Philosophen vom Fach vorgenommenen Analyse des Empiriokritizismus eine nüchterne Einschätzung des Wesens der Avenariusschen Ideen, das nach Abstreifung der gekünstelten Terminologie zum Vorschein kommt.

Im Jahre 1903 schrieb Bogdanow (in seinem Aufsatz „Das autoritäre Denken" in dem Sammelband „Aus der Psychologie der Gesellschaft", S. 119 ff.):

„Richard Avenarius gab das geschlossenste und vollendetste philosophische Bild der Entwicklung des Dualismus von Geist und Körper. Das

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Wesen seiner ,Introjektionslehre' besteht in folgendem" (unmittelbar beobachten wir nur die physischen Körper und schließen nur hypothetisch auf fremde Erlebnisse, d. h. auf das Psychische anderer Menschen). „... Die Hypothese wird dadurch kompliziert, daß die Erlebnisse eines anderen Menschen in dessen Leib versetzt, in seinen Organismus hineinverlegt (introjiziert) werden. Dies ist schon eine überflüssige Hypothese, die noch dazu eine Menge von Widersprüchen mit sich bringt. Avenarius zählt diese Widersprüche systematisch auf, indem er eine kontinuierliche Reihe geschichtlicher Momente in der Entwicklung des Dualismus und dann des philosophischen Idealismus darstellt. Wir brauchen Avenarius aber hier nicht weiter zu folgen ..." „Die Introjektion tritt als Erklärung des Dualismus von Geist und Körper auf."

Bogdanow fiel auf die Professorenphilosophie herein, wenn er glaubte, daß sich die „Introjektion" gegen den Idealismus richte. Er nahm die Wertung der Introjektion, wie sie Avenarius selbst gegeben hat, für bare Münze, ohne den Stachel zu bemerken, der gegen den Materialismus gerichtet ist. Die Introjektion bestreitet, daß das Denken eine Funktion des Gehirns ist, daß die Empfindungen eine Funktion des zentralen Nerven­systems des Menschen sind, d. h., sie bestreitet, um den Materialismus zu vernichten, die elementarste Wahrheit der Physiologie. Der „Dualismus" erweist sich als idealistisch widerlegt (ungeachtet alles diplomatischen Wetterns von Avenarius gegen den Idealismus); denn Empfindung und Denken erscheinen nicht als das Sekundäre, nicht als das von der Materie Abgeleitete, sondern als das Primäre. Avenarius hat hier den Dualismus nur insofern widerlegt, als er die Existenz des Objekts ohne Subjekt, der Materie ohne Denken, der von unseren Empfindungen unabhängigen Außenwelt „widerlegt" hat, d. h., er hat ihn idealistisch widerlegt. Die absurde Leugnung der Tatsache, daß das visuelle Bild des Baumes eine Funktion meiner Netzhaut, der Nerven und des Gehirns ist, brauchte Avenarius, um die Theorie der „unauflöslichen" Verbindung der „vollen" Erfahrung zu bekräftigen, die sowohl unser „Ich" als auch den Baum, d. h. die Umgebung, in sich schließt.

Die Lehre von der Introjektion ist eine Konfusion, mit deren Hilfe idealistischer Unsinn eingeschmuggelt wird, sie widerspricht der Natur­wissenschaft, die unerschütterlich darauf beharrt, daß das Denken eine Funktion des Gehirns ist, daß die Empfindungen, d. h. die Abbilder der

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Außenwelt, in uns existieren, hervorgerufen durch die Einwirkung der Dinge auf unsere Sinnesorgane. Die materialistische Beseitigung des „Dualismus von Geist und Körper" (d. h. der materialistische Monismus) besteht darin, daß der Geist nicht unabhängig vom Körper existiert, daß der Geist das Sekundäre, eine Funktion des Gehirns, die Widerspiegelung der Außenwelt ist. Die idealistische Beseitigung des „Dualismus von Geist und Körper" (d. h. der idealistische Monismus) besteht darin, daß der Geist keine Funktion des Körpers ist, daß der Geist folglich das Primäre ist, daß die „Umgebung" und das „Ich" nur in der unauflöslichen Verbindung ein und derselben „Elementenkomplexe" existieren. Außer diesen beiden einander direkt entgegengesetzten Arten der Beseitigung des „Dualismus von Geist und Körper" kann es keine dritte Art geben, wenn man von dem Eklektizismus, d. h. der widersinnigen Vermengung von Materialismus und Idealismus, absieht. Gerade diese bei Avenarius vorliegende Vermengung erschien Bogdanow und Co. als „eine Wahrheit außerhalb des Materialismus und des Idealismus".

Die Philosophen vom Fach sind aber nicht so naiv und vertrauensselig wie die russischen Machisten. Freilich, jeder dieser Herren ordentlichen Professoren verteidigt sein „eigenes" System der Widerlegung des Materialismus oder zumindest des „Ausgleichs" von Materialismus und Idealismus - aber wenn es sich um einen Konkurrenten handelt, da enthüllen sie rücksichtslos die in allen möglichen „allerneuesten" und „originellen" Systemen enthaltenen zusammenhanglosen Stückchen von Materialismus und Idealismus. Wenn auch einige junge Intellektuelle Avenarius ins Garn gegangen sind, so gelang es doch nicht, den alten Fuchs Wundt in die Falle zu locken. Der Idealist Wündt entlarvte den Wortakrobaten Avenarius sehr unhöflich, indem er ihn für die antimaterialistische Tendenz der Introjektionslehre lobte.

„Wenn der Empiriokritizismus", schrieb Wundt, „dem vulgären Materialismus vorwirft, daß er mit Ausdrücken, wie das Gehirn ,habe' oder ,bewirke' das Denken, ein durch tatsächliche Beobachtung und Beschreibung" (als „Tatsache" betrachtet W. Wundt anscheinend, daß der Mensch ohne Gehirn denkt!) „überhaupt nicht konstatierbares Verhältnis ausdrücke, ... so ist diese Rüge gewiß gerechtfertigt." (Zit. Abhandlung, S. 47/48.)

Und ob! Gegen den Materialismus gehen die Idealisten immer mit den

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Halbheitstheoretikern Avenarius und Mach! Es ist nur schade, fügt Wundt hinzu, daß diese Theorie der Introjektion „mit der Lehre von der unabhängigen Vitalreihe in gar keiner Beziehung steht, vielmehr sichtlich erst nachträglich und in einer ziemlich gekünstelten Weise dieser von außen angepaßt wurde" (S. 365).

In der Introjektion, sagt O. Ewald, ist „nicht mehr als eine Fiktion des Empiriokritizismus zu erblicken, der ihrer bedarf, um seine eigenen Irrtümer zu decken" (l. c., 44). „So sieht man sich vor einen seltsamen Widerspruch gestellt: auf der einen Seite soll die Ausschaltung der Introjektion und die Restitution des natürlichen Weltbegriffes der Welt den Charakter lebendiger Realität wieder schenken; auf der ändern Seite führt der Empiriokritizismus in der Prinzipialkoordination zu jener rein idealistischen Annahme einer absoluten Korrelativität von Gegenglied und Zentralglied. Avenarius bewegt sich demnach im Kreise. Er war gegen den Idealismus zu Felde gezogen und streckte die Waffen, bevor es zu einer offenen Feindseligkeit kommen konnte. Aus der Haft des Subjektes wollte er die Welt der Objekte befreien, um sie alsbald wieder an dasselbe zu ketten. Was er wirklich kritisch aufzuheben vermag, ist eher ein Zerrbild des Idealismus als dessen adäquate erkenntnistheoretische Ausdrucksform." (l. c., 64/65.)

„In seiner häufig angeführten Behauptung", sagt Norman Smith, „daß das Gehirn nicht Sitz, Organ oder Träger des Denkens sei, verwirft Avenarius die einzigen Termini, die wir haben, um ihre Beziehung zueinander zu definieren." (Zit. Artikel, p. 30.)

Es ist auch nicht verwunderlich, daß die von Wundt gebilligte Theorie der Introjektion den Beifall des offenen Spiritualisten James Ward* findet, der einen systematischen Kampf gegen „Naturalismus und Agnostizismus", besonders gegen Th. Huxley führt, (nicht weil dieser, wie Engels ihm vorwarf, ein zu wenig entschiedener und bestimmter Materialist war, sondern) weil sich hinter seinem Agnostizismus eigentlich der Materialismus verberge.

Es sei noch bemerkt, daß der englische Machist K. Pearson, der auf alle philosophischen Kniffe verzichtet und weder Introjektion noch Koordination. noch die „Entdeckung der Weltelemente" anerkennt, zu dem unaus-



* James Ward, „Naturalism and Agnosticism", 3rd ed. [Naturalismus und Agnostizismus, 3. Aufl.], London 1906, vol. II, pp. 171, 172,

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weichlichen Resultat kommt, zu dem der Machismus, wenn er dieser „Deckungen" beraubt ist, gelangen muß, nämlich: zum reinen subjektiven Idealismus. Pearson kennt keine „Elemente". Die „Sinneswahrnehmungen" (sense-impressions) sind sein erstes und letztes Wort. Er zweifelt nicht im geringsten daran, daß der Mensch mit dem Gehirn denkt. Und der Widerspruch zwischen dieser These (die allein der Wissenschaft entspricht) und dem Ausgangspunkt seiner Philosophie ist nackt und augenfällig geblieben. In seinem Kampf gegen den Begriff Materie als etwas unabhängig von unseren Sinneswahrnehmungen Existierendes gerät Pearson außer sich (Kap. VII seiner „Grammar of Science"). Alle Argumente Berkeleys wiederholend, erklärt Pearson, die Materie sei ein Nichts. Sobald die Rede aber auf die Beziehung des Gehirns zum Denken kommt, erklärt er entschieden: „Von dem Willen und dem Bewußtsein, die mit dem mate­riellen Mechanismus verbunden sind, können wir nicht auf etwas dem Willen und dem Bewußtsein Ähnliches ohne diesen Mechanismus schlie­ßen."* Als Ergebnis des diesbezüglichen Teils seiner Forschungen stellt Pearson sogar die These auf: „Außerhalb eines dem unsrigen verwandten Nervensystems hat das Bewußtsein keinen Sinn. Es ist unlogisch, zu behaupten, daß die ganze Materie bewußt sei" (es ist aber logisch, anzunehmen, daß die ganze Materie eine Eigenschaft besitzt, die dem Wesen nach der Empfindung verwandt ist, die Eigenschaft der Widerspiegelung); „es ist noch unlogischer, zu behaupten, daß Bewußtsein oder Wille außerhalb der Materie existieren können." (Ebenda, p. 75, zweite These.) So ergibt sich bei Pearson eine heillose Konfusion! Die Materie ist nichts anderes als Gruppen von Sinneswahrnehmungen; das ist seine These; das ist seine Philosophie. Also sind Empfindung und Gedanke das Primäre, die Materie das Sekundäre. Aber nicht doch: Das Bewußtsein existiert nicht ohne Materie, ja anscheinend sogar nicht ohne Nervensystem! D. h. also, Bewußtsein und Empfindung erweisen sich als das Sekundäre. Das Wasser hält sich auf der Erde, die Erde auf dem Walfisch, der Walfisch auf dem Wasser. Die Machschen „Elemente", die Avenariussche Koordination und Introjektion beseitigen diese Wirrnis nicht, sie verdunkeln die Sache nur und verwischen die Spuren durch gelehrt-philosophisches Kauderwelsch.

Ein ebensolches Kauderwelsch, über das ein paar Worte genügen dürf-



* ,The Grammar of Science", 2nd ed., London 1900, p. 58.

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ten, ist die besondere Terminologie von Avenarius, der eine unendliche Fülle von diversen „Notalen", „Sekuralen", „Fidentialen" usw. usw. geschaffen hat. Unsere russischen Machisten umgehen größtenteils schamhaft diesen professoralen Galimathias und knallen nur dann und wann mit irgendeinem „Existential" u. dgl. auf den Leser los (zur Betäubung). Aber wenn naive Leute diese Schlagworte für eine besondere Biomechanik halten, so lachen die deutschen Philosophen - die zwar selbst eine Vorliebe für „verzwickte" Worte haben - Avenarius doch aus. Es ist völlig dasselbe, ob man „Notal" (notus = bekannt) sagt oder: mir ist das und das bekannt - schreibt Wundt in dem Kapitel „Scholastischer Charakter des empiriokritischen Systems". Und wirklich, das ist die reinste und finsterste Scholastik. Einer der ergebensten Schüler von Avenarius, R. Willy, hatte den Mut, das aufrichtig zu gestehen: „Avenarius schwebte eine Bio­mechanik vor", schrieb er. „Allein zu Einsichten in das Gehirnleben könnte man nur durch tatsächliche Entdeckungen, aber unmöglich in der Art, wie dies Avenarius versuchte, gelangen. Die Biomechanik von Avenarius stützt sich auf gar keine neuen Beobachtungen; ihr Eigentümliches sind durchaus nur schematische Begriffskonstruktionen; und zwar solche, die nicht einmal den Charakter von Hypothesen, die eine Perspektive gewähren, sondern von bloßen Spekulierschablonen haben, die sich uns, wie eine Festung, vor die Aussicht setzen."*

Die russischen Machisten werden bald den Modenarren gleichen, die vor einem von den bürgerlichen Philosophen Europas schon abgetragenen Hütchien in Verzückung geraten.



* R. Willy, „Gegen die Schulweisheit", S. 169. Der pedantische Petzoldt würde solche Zugeständnisse natürlich nicht machen; mit der Selbstzufriedenheit des Philisters käut er die „biologische" Scholastik von Avenarius wieder (Bd. I, Kap. II).



Datum der letzten Änderung : Jena, den: 25.01.2013