3. Prinzipialkoordination und „naiver Realismus“ | Inhalt | 5. Denkt der Mensch mit dem Gehirn?

4. Hat die Natur vor dem Menschen existiert?

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Wir haben bereits gesehen, daß diese Frage für die Philosophie von Mach und Avenarius besonders brenzlig ist. Die Naturwissenschaft behauptet entschieden, daß die Erde einmal in einem Zustand existierte, wo es weder den Menschen noch überhaupt irgendein Lebewesen auf ihr gab und auch nicht geben konnte. Die organische Materie ist eine spätere Erscheinung, das Resultat einer langwierigen Entwicklung. Also hat es keine empfindende Materie gegeben, keine „Empfindungskomplexe", kein Ich, das nach der Lehre von Avenarius angeblich mit der Umgebung „unauflöslich" verbunden ist. Die Materie ist das Primäre; Denken, Bewußtsein, Empfindung sind das Produkt einer sehr hohen Entwicklung. Dies besagt die materialistische Erkenntnistheorie, auf deren Boden die Naturwissenschaft spontan steht.

Es fragt sich nun, ob die prominenten Vertreter des Empiriokritizismus diesen Widerspruch zwischen ihrer Theorie und der Naturwissenschaft bemerkt haben. Ja, sie haben ihn bemerkt und offen die Frage gestellt, vermittels welcher Erwägungen dieser Widerspruch zu beseitigen wäre. Drei Ansichten über diese Frage, nämlich die von R. Avenarius selbst und dann die seiner Schüler J. Petzoldt und R. Willy, bieten vom Standpunkt des Materialismus besonderes Interesse.

Avenarius versucht, diesen Widerspruch mit der Naturwissenschaft durch die Theorie des „potentiellen" Zentralgliedes in der Koordination zu beseitigen. Die Koordination besteht, wie wir wissen, in der „unauflöslichen" Verbindung des Ich und der Umgebung. Um die offenkundige Absurdität dieser Theorie zu beseitigen, wird der Begriff des „potentiel-

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len" Zentralgliedes eingeführt. Wie steht es zum Beispiel mit der Entwicklung des Menschen aus dem Embryo? Existiert eine Umgebung (= „Gegenglied"), wenn das „Zentralglied" ein Embryo ist? Das embryonale System C bietet - so antwortet Avenarius - ein „potentielles Zentralglied in bezug auf eine künftige individuelle Umgebung" („Bemerkungen", S. 140 der genannten Abhandlung). Das potentielle Zentralglied ist nie gleich Null, auch dann nicht, wenn noch keine Eltern ([elterliche Bestandteile]) existieren, sondern nur erst solche „Umgebungsbestandteile", welche zu den Eltern selbst zu werden befähigt sind (S. 141).

Also die Koordination ist unauflöslich. Dies zu behaupten ist für den Empiriokritiker unumgänglich, wenn er die Grundlagen seiner Philosophie, die Empfindungen und ihre Komplexe, retten will. Der Mensch ist das Zentralglied dieser Koordination. Wenn es aber noch keinen Menschen gibt, wenn er noch nicht geboren ist, so ist das Zentralglied doch nicht gleich Null, es ist nur zum potentiellen Zentralglied geworden! Man muß sich nur wundern, wie sich Leute finden können, die einen Philosophen mit solchen Gedankengängen ernst nehmen! Selbst Wundt, der betont, daß er durchaus kein Feind jeder Metaphysik (d. h. jeder Art Fideismus) sei, sieht sich gezwungen, hier eine „mystische Verdunkelung des Erfahrungsbegriffs" durch das Wort „potentiell", das jede Koordination vernichtet, zu konstatieren (zit. Abhandlung, S. 379).

In der Tat, kann man denn im Ernst von einer Koordination sprechen, deren Unauflöslichkeit darin besteht, daß eines ihrer Glieder potentiell ist?

Ist das etwa keine Mystik, keine direkte Vorstufe zum Fideismus? Wenn es möglich ist, ein potentielles Zentralglied in bezug auf eine künftige Umgebung zu denken, warum sollte man es nicht auch in bezug auf die vergangene Umgebung, d. h. nach dem Tode des Menschen, denken können? Ihr werdet sagen, Avenarius habe diese Konsequenz aus seiner Theorie nicht gezogen. Ja, aber dadurch ist diese absurde und reaktionäre Theorie nur feiger, nicht aber besser geworden. Avenarius hat diese Theorie im Jahre 1894 nicht zu Ende geführt, oder er hatte nicht den Mut, sie zu Ende zu führen, sie konsequent bis zu Ende zu denken. R. Schubert-Soldern aber berief sich, wie wir sehen werden, 1896 ausdrückte auf diese Theorie, und zwar gerade, um theologische Schlußfolgerungen zu ziehen, und erwarb sich 1906 auch die Zustimmung Machs, der erklärte,

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Schubert-Soldern gehe (dem Machismus) „recht nahe 'Wege" („Analyse der Empfindungen", S. 4)*. Engels war völlig im Recht, als er Dühring, einen ausgesprochenen Atheisten, bekämpfte, weil dieser inkonsequenterweise dem Fideismus in seiner Philosophie eine Wntertür offenließ. Diesen Vorwurf macht Engels mehrmals, und zwar ganz mit Recht, dem Materialisten Dühring, der, wenigstens in den siebziger Jahren, keine theologischen Folgerungen zog. Bei uns aber gibt es Leute, die als Marxisten gelten möchten und eine Philosophie in die Massen tragen, welche hart an Fideismus grenzt.

„... Es könnte scheinen", schrieb ebendort Avenarius, „als ob gerade von empiriokritischem Standpunkte aus die Naturwissenschaft gar nicht ,berechtigt' wäre, nach Perioden unserer jetzigen Umgebung zu fragen, welche dem Dasein des Menschen zeitlich vorangehen sollten." (S. 144.) Avenarius antwortet, daß „der Fragende gar nicht, venneiden kann, [sich hinzuzudenken]" (d.h. sich als anwesend vorzustellen). „Denn", fährt Avenarius fort, „was der Naturwissenschaftler will (ob er sich gleich darüber nicht immer hinreichend klar sein mag), ist im Grunde nur das: Wie würde die Erde bezw. die Welt vor dem Auftreten der Lebewesen bezw. des Menschen zu bestimmen sein, wenn ich mich als ihren Beschauer hinzudenke — etwa in der Weise, wie es denkbar wäre, daß wir die Geschichte eines ändern Gestirns oder gar eines ändern Sonnensystems durch vervollkommnete Instrumente von unserer Erde aus beobachten könnten."

Ein Ding kann nicht unabhängig von unserem Bewußtsein existieren; „man denkt allemal sich selbst als Intelligenz, die das Ding zu erkennen strebt, mit hinzu".

Diese Theorie, daß es notwendig sei, zu jedem Ding, zu der Natur vor dem Menschen das menschliche Bewußtsein „hinzuzudenken", habe ich im ersten Absatz mit den Worten des „neuesten Positivisten" R. Avenarius dargestellt, und im zweiten mit den Worten des subjektiven Idealisten J. G. Fichte**. Die Sophistik dieser Theorie ist so evident, daß es peinlich ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wenn wir uns selbst „hinzudenken",



* Es handelt sich um das Vorwort Machs zur russischen Ausgabe seiner „Analyse der Empßndungen". Der Übers.

** J.G. Fichte, „Rezension des ,Aenesidemus'", 1794, in Sämtliche Werke, Bd. I,S.19.

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so bleibt unsere Anwesenheit doch eine eingebildete, während die Existenz der Erde vor dem Menschen eine wirkte ist. In Wirklichkeit konnte der Mensch unmöglich Beobachter, sagen wir, beispielsweise des glühenden Zustands der Erde sein, und seine Anwesenheit hierbei zu „denken", ist ein ebensolcher Obskurantismus, wie wenn ich die Existenz der Hölle durch folgendes Argument verteidigen wollte; Wenn ich mich als Beschauer „hinzudächte", könnte ich die Hölle beobachten. Der „Ausgleich" zwischen Empiriokritizismus und Naturwissenschaft besteht darin, daß Avenarius sich gütigst herbeiläßt, etwas „hinzuzudenken", dessen Annahme die Naturwissenschaft als unmöglich ausschließt. Kein halbwegs gebildeter Mensch mit einigermaßen gesunden Sinnen zweifelt daran, daß die Erde bereits zu einem Zeitpunkt existierte, als auf ihr kein Leben, keine Empfindung, kein „Zentralglied" sein konnte, und folglich ist die ganze Theorie von Mach und Avenarius, nach der die Erde ein Empfindungskomplex ist („die Körper sind Empfindungskomplexe") oder ein „Komplex von Elementen, in denen das Psychische mit dem Physischen identisch ist", oder ein „Gegenglied, dessen Zentralglied nie gleich Null sein kann", philosophischer Obskurantismus, ein Ad-absurdum-Führen des subjektiven Idealismus.

J. Petzoldt erkannte, in welch absurde Lage Avenarius geraten war, und schämte sich dessen. In seiner „Einführung in die Philosophie der reinen Erfahrung" (Bd. II) widmet er einen ganzen Paragraphen (§ 65) der „Frage nach der einstigen Wirklichkeit [früherer] Erdperioden".

„In Avenarius' Lehre", sagt Petzoldt, „spielt [das Ich] eine andere Rolle als bei Schuppe" (es sei bemerkt, daß Petzoldt wiederholt ganz eindeutig erklärt: Von drei Männern wurde unsere Philosophie begründet - von Avenarius, Mach und Schuppe), „aber wohl noch immer eine für die Theorie zu bedeutende." (Auf Petzoldt hat offenbar gewirkt, wie Schuppe Avenarius entlarvte, indem er nachwies, daß bei Avenarius faktisch auch alles nur auf dem Ich beruht; Petzoldt möchte sich korrigieren.) „Avenarius sagt einmal", fährt Petzoldt fort: ,„Man kann sich wohl eine Gegend denken, welche noch kein menschlicher Fuß betrat, aber um eine solche Umgebung denken"' (hervorgehoben von Avenarius) ,„zu können, bedarf es doch eines [Ich-Bezeichneten], dessen'" (hervorgehoben von Avenarius) „,Gedanke sie wäre'." („Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie", 18. Bd., 1894, S. 146, Anmerkung.)

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Petzoldt erwidert:

„Die erkenntnistheoretisch wichtige Frage ist aber gar nicht die, ob wir uns eine solche Gegend überhaupt denken können, sondern ob wir sie von irgendwelchem individuellen Denken unabhängig existierend oder existiert habend denken dürfen."

Was wahr ist, ist wahr. Denken und „hinzudenken" kann man sich jede Hölle und alle möglichen Teufel, Lunatscharski brachte es sogar fertig, ... nun, gelinde gesagt, religiöse Begriffe „hinzuzudenken"34 . Die Aufgabe der Erkenntnistheorie besteht aber gerade darin, die Irrealität, das Phantastische, das Reaktionäre eines solchen Hinzudenkens aufzudecken.

„... Denn daß zum Denken ein System C gehört" (d. h. das Gehirn), „ist ja für Avenarius und die hier vertretene Philosophie eine selbstverständliche Sache..."

Das ist nicht wahr. Avenarius' Theorie von 1876 ist eine Theorie des Denkens ohne Gehirn. Und in seiner Theorie von 1891-1894 findet sich, wie wir gleich sehen werden, ein ebensolches Element idealistischen Unsinns.

„... Ist aber dieses System C Existenzbedingung" (hervorgehoben von Petzoldt) „etwa für die [Sekundärzeit] der Erde?" Nachdem Petzoldt die von mir bereits zitierte Betrachtung von Avenarius darüber, was die Naturwissenschaft eigentlich will, und wie wir den Beschauer „hinzudenken" können, angeführt hat, erwidert er:

„Nein, wir wollen wissen, ob ich die Erde für jene ferne Zeit ebenso existierend denken darf, wie ich sie für gestern oder für die der gegenwärtigen vorhergehende Minute existierend denke. Oder soll ihre Existenz davon abhängig gemacht werden, daß, wie es Willy gefordert hat, für die betreffende Zeit wenigstens ein wenn auch auf noch so tiefer Entwicklungsstufe stehendes System C mitexistierend gedacht werden darf?" (Auf diese Idee von Willy werden wir gleich zurückkommen.)

„Avenarius vermeidet die sonderbare Folgerung Willys durch den Gedanken, daß der Fragende [sich] gar nicht [wegdenken]" (d. h. sich als nicht anwesend vorstellen) „oder gar nicht vermeiden kann, [[]sich hinzuzudenken]." (Siehe „Der menschliche Weltbegriff", S. 130 der ersten dtsch. Aufl.) „Damit macht er aber das individuelle Ich des Fragenden oder doch den Gedanken an dieses Ich zur Bedingung nicht bloß für den Akt des

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Gedankens an die noch unbewohnte Erde, sondern für die Berechtigung des Glaubens an die Existenz der Erde in jener Zeit.

Diese Irrwege sind leicht zu vermeiden, wenn man dem Ich keine so starke theoretische Stellung einräumt. Das einzige, was die Erkenntnistheorie angesichts irgendwelcher Anschauungen über räumlich oder zeitlich Entlegenes wie überhaupt irgendwelcher Lehren zu fordern hat, ist, daß es Denkbares ist und eindeutig bestimmt gedacht werden kann; alles übrige ist dann Sache der Spezialwissenschaften." (Bd. II, S. 325.)

Petzoldt taufte also das Gesetz der Kausalität in das Gesetz der eindeutigen Bestimmtheit um und nahm, wie wir weiter unten sehen werden, die Apriorität dieses Gesetzes in seine Theorie auf. Das bedeutet, daß Petzoldt sich vor dem subjektiven Idealismus und Solipsismus von Avenarius („er räumt dem Ich eine zu starke Stellung ein", wie es in der Professorensprache heißt!) mittels kantianisäter Ideen rettet. Das Fehlen des objektiven Moments in der Lehre von Avenarius, die Unmöglichkeit, diese Lehre mit den Erfordernissen der Naturwissenschaft in Einklang zu bringen, die erklärt, daß die Erde (das Objekt) längst vor der Entstehung von Lebewesen (des Subjekts) existiert hat - alles das hat Petzoldt gezwungen, sich an die Kausalität (die eindeutige Bestimmtheit) zu klammem. Die Erde hat existiert, da ihre Existenz vor dem Menschen mit ihrer jetzigen Existenz kausal verbunden ist. Erstens: woher diese Kausalität? A priori, sagt Petzoldt. Zweitens: sind denn die Vorstellungen von der Hölle, den Teufeln und von dem, was Lunatscharski sich „hinzugedacht" hat, nicht auch kausal verbunden? Drittens: die Theorie der „Empfindungskomplexe" wird jedenfalls durch Petzoldt zerstört. Petzoldt hat den von ihm bei Avenarius erkannten Widerspruch nicht gelöst, sondern sich nur noch mehr verheddert, denn es kann nur eine Lösung geben: die Anerkennung, daß die von unserem Bewußtsein abgebildete Außenwelt unabhängig von unserem Bewußtsein existiert. Nur diese materialistische Lösung ist mit der Naturwissenschaft wirklich vereinbar, und nur sie beseitigt die idealistische Lösung des Problems der Kausalität durch Petzoldt und Mach, worüber wir noch gesondert sprechen werden.

Der dritte Empiriokritiker, R. Willy, hat die Frage, daß die Avenariussche Philosophie diese Schwierigkeit bietet, zum erstenmal 1896 in seinem Aufsatz „Der Empiriokritizismus als einzig wissenschaftlicher

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Standpunkt" aufgeworfen. Wie steht es mit der Welt vor den Menschen, fragt hier Willy*, und antwortet zuerst in Übereinstimmung mit Avenarius: „Wir versetzen uns in Gedanken in die Vergangenheit." Dann aber sagt er, daß unter Erfahrung durchaus nicht unbedingt die menschliche Erfahrung zu verstehen sei. „Denn die Tierwelt - und wäre es der geringste Wurm - müssen wir, wenn wir das tierische Leben nur im Zusammenhange der allgemeinsten Erfahrung betrachten, einfach als primitive [Mitmenschen] ansehen." (73/74.) Die Erde war also vor dem Menschen die „Erfahrung" eines Wurmes, der die Funktion des „Zentralgliedes" versah, um die „Koordination" von Avenarius und die Philosophie von Avenarius zu retten! Es wundert uns nicht, daß Petzoldt sich von solchem Gedankengang abzugrenzen suchte; denn dies ist nicht nur der Gipfelpunkt des Unsinns (einem Wurm werden Ideen über die Erde zugeschrieben, die den Theorien der Geologen entsprechen), sondern hilft auch unserem Philosophen nicht im geringsten, da die Erde nicht nur vor dem Menschen, sondern auch vor allen Lebewesen überhaupt existiert hat.

Mit dieser Frage befaßte sich Willy noch einmal im Jahre 1905. Der Wurm wurde diesmal beiseite gelassen.** Das Petzoldtsche „Gesetz der Eindeutigkeit" aber konnte Willy natürlich nicht befriedigen, der darin bloß „logischen Formalismus" erblickte. Die Frage nach der Welt vor dem Menschen, schreibt der Verfasser, wie sie von Petzoldt gestellt wird, führt uns am Ende „wieder zurück zu den Dingen an sich des Common sense" (d.h. zum Materialismus! Wie entsetzlich, fürwahr!). Was bedeuten Millionen Jahre ohne Leben? „Ist die Zeit vielleicht ein Ding an sich? Nicht doch !*** Nun - dann sind die (außerpersönlichen) Dinge jenseits des Menschen nur Vorstellungen: nur Phantasiestücke, die wir Menschen mit Hilfe einiger Fragmente, die wir in unserer Gegenwart vorfinden, entwerfen. Weshalb nicht? Fürchtet sich der Philosoph vor dem Strome des Lebens?... Also sage ich mir; laß fahren alle Systemweisheit und [ergreife den Augenblick] - den Augenblick, den du erlebst: nur ein solcher Augenblick beglückt." (177/178.)



* „Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie", Bd. 20, 1896, S. 72.

** K. •Willy, „Gegen die Schulweisheit", 1905, S. 173-178.

*** Darüber werden wir uns mit den Machisten in den weiteren Ausführungen besonders unterhalten.

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So, so. Entweder Materialismus oder Solipsismus, dahin gelangte R. Willy bei der Behandlung der Frage nach der Existenz der Natur vor dem Menschen trotz all seiner hochtönenden Phrasen.

Nun das Fazit. Wir ließen drei empiriokritische Auguren aufmarschieren, die sich im Schweiße ihres Angesichts abmühten, ihre Philosophie mit der Naturwissenschaft in Einklang zu bringen und die Löcher des Solipsismus auszuflicken. Avenarius wiederholte das Argument Fichtes und unterschob an Stelle der wirklichen Welt eine eingebildete Welt. Petzoldt rückte von dem Fichteschen Idealismus ab und näherte sich dem Kantschen Idealismus. Willy gab es, nachdem er mit dem „Wurm" Fiasko erlitten hatte, auf und plauderte unversehens die Wahrheit aus: entweder Materialismus oder Solipsismus oder gar überhaupt nichts als der gegenwärtige Augenblick.

Uns bleibt nur, dem Leser zu zeigen, wie unsere einheimischen Machisten diese Frage verstanden und dargestellt haben. Hier Basarow in den „Beiträgen ,zur' Philosophie des Marxismus", S. 11:

„Wir müssen jetzt unter der Führung unseres getreuen Vademekums" (es ist von Plechanow die Rede) „noch in die letzte und entsetzlichste Sphäre der solipsistischen Hölle hinabsteigen, in jene Sphäre, in der nach Plechanows Versicherung jeder subjektive Idealismus von der Notwendigkeit bedroht ist, sich die Welt in den Anschauungsformen der Ichthyosaurier und Archäopteryxe vorstellen zu müssen. ,Versetzen wir uns in Gedanken', schreibt Plechanow, ,in jene Epoche, in der nur sehr entfernte Vorfahren des Menschen auf der Erde existierten, z. B. in die Sekundärzeit. Es fragt sich, wie stand es damals mit Raum, Zeit und Kausalität? Wessen subjektive Formen waren sie damals? Die subjektiven Formen der Ichthyosaurier? Und wessen Verstand diktierte damals der Natur seine Gesetze? Der Verstand der Archäopteryxe? Auf diese Fragen kann die Kantsche Philosophie keine Antwort geben. Sie muß auch als absolut unvereinbar mit der modernen Wissenschaft abgelehnt werden.' (,L. Feuerbach', S. 117.)"

Hier bricht Basarow das Zitat aus Plechanow ab, und zwar gerade vor folgendem - wie wir sofort sehen werden, sehr wichtigem — Passus: „Der Idealismus behauptet: ohne Subjekt kein Objekt. Die Geschichte der Erde zeigt, daß das Objekt viel früher existierte, als das Subjekt entstanden ist, d. h. viel früher, als Organismen mit einem bemerkbaren Grad von Be-

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wußtsein entstanden sind... Die Entwicklungsgeschichte offenbart die Wahrheit des Materialismus."

Fahren wir mit dem Zitat aus Basarow fort:

„... Gibt aber das Plechanowsche Ding an sich die gesuchte Antwort? Erinnern wir uns, daß wir auch nach Plechanow von den Dingen, wie sie an sich sind, keine Vorstellung haben können, wir kennen nur ihre Manifestationen, nur die Resultate ihrer Wirkung auf unsere Sinnesorgane. .Außerhalb dieser Wirkung haben sie keinerlei Gestalt' (,L. Feuerbach', S. 112). Welche Sinnesorgane existierten denn in der Epoche der Ichthyosaurier? Augenscheinlich doch nur die Sinnesorgane der Ichthyosaurier und ihresgleichen. Nur die Vorstellungen der Ichthyosaurier waren damals wirkliche, reale Manifestationen der Dinge an sich. Folglich muß auch nach Plechanow ein Paläontologe, wenn er auf ,realem' Boden bleiben will, die Geschichte der Sekundärzeit in den Anschauungsformen der Ichthyosaurier schreiben. Auch hier also wird der Solipsismus um keinen Schritt überholt."

Das ist die ungekürzte (wir bitten den Leser wegen der Länge des Zitats um Entschuldigung, aber anders ging es nicht) Betrachtung eines Machisten, eine Betrachtung, die als erstklassiges Muster von Konfusion verewigt zu werden verdient.

Basarow bildet sich ein, Plechanow festgenagelt zu haben. Wenn die Dinge an sich außerhalb ihrer Wirkung auf unsere Sinnesorgane keinerlei Gestalt haben, so bedeutet das, daß sie in der Sekundärzeit nicht anders als in „Gestalt" der Sinnesorgane der Ichthyosaurier existierten. Und das soll die Betrachtung eines Materialisten sein?! Wenn die „Gestalt" das Resultat der Wirkung der „Dinge an sich" auf die Sinnesorgane ist, folgt dann daraus, daß die Dinge unabhängig von irgendwelchen Sinnesorganen »n'd»t existieren??

Nehmen wir aber für einen Augenblick an, daß Basarow Plechanows Worte wirklich „mißverstanden" hat (so unwahrscheinlich eine solche Annahme auch ist), daß sie ihm unklar schienen. Aber selbst wenn es so wäre. Wir fragen: übt sich Basarow in Ausfällen gegen Plechanow (den ja die Machisten zum einzigen Vertreter des Materialismus erheben!), oder will er zur Klärung der Frage des Materialismus beitragen? Wenn euch Plechanow unklar oder widerspruchsvoll usf. schien, warum habt ihr dann nicht andere Materialisten genommen? Etwa weil ihr sie nicht kennt? Aber Ignoranz ist kein Argument.

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Sollte Basarow wirklich nicht wissen, daß die Anerkennung der Außenwelt, der Existenz der Dinge außerhalb unseres Bewußtseins und unabhängig von ihm die Grundthese des Materialismus ist, dann hätten wir in der Tat einen eklatanten Fall äußerster Ignoranz vor uns. Wir erinnern den Leser an Berkeley, der 1710 den Materialisten zum Vorwurf machte, daß sie „Objekte an sich" anerkennen, die unabhängig von unserem Bewußtsein existieren und von diesem Bewußtsein widergespiegelt werden. Es steht natürlich jedem frei, sich auf die Seite Berkeleys oder sonst jemandes gegen die Materialisten zu stellen, das ist unbestreitbar, aber ebenso unbestreitbar heißt es eine unverzeihliche Konfusion in die Frage hineintragen, wenn man von den Materialisten spricht und dabei die Grundthese des ganzen Materialismus entstellt oder ignoriert.

Hatte Plechanow recht, als er erklärte, daß es für den Idealismus kein Objekt ohne Subjekt gibt, für den Materialismus aber das Objekt unabhängig vom Subjekt existiert und mehr oder weniger richtig in seinem Bewußtsein widergespiegelt wird? Wenn das nidit richtig ist, so müßte jemand, der auch nur ein klein wenig Achtung vor dem Marxismus hat, diesen Fehler Plechanows aufzeigen und sich nicht mit Plechanow, sondern mit jemand anders, mit Marx, Engels, Feuerbach über die Frage des Materialismus und der Natur vor dem Auftreten des Menschen auseinandersetzen. Ist dies aber richtig, oder seid ihr zumindest nicht imstande, hier einen Fehler aufzudecken, so ist euer Versuch, die Karten durcheinanderzuwerfen, im Kopfe des Lesers die elementarste Vorstellung vom Materialismus im Unterschied zum Idealismus zu verwirren, eine literarische Unanständigkeit.

Für jene Marxisten aber, die sich für die Frage unabhängig von jedem Wörtchen, das Plechanow äußerte, interessieren, berufen wir uns auf die Meinung Ludwig Feuerbachs, der, wie man weiß (vielleicht weiß Basarow das nicht?), Materialist war und über den Marx und Engels bekanntlich vom Idealismus Hegels zu ihrer materialistischen Philosophie gekommen sind. In seiner Entgegnung an R. Haym schrieb Feuerbach:

„Die Natur, die kein Objekt des Menschen oder Bewußtseins, ist nun allerdings im Sinne der spekulativen Philosophie oder wenigstens des Idealismus ein Kantisches Ding an sich" (wir werden später von der Vermengung des Kantischen und des materialistischen Dinges an sich durch unsere Machisten ausführlich sprechen), „ein Abstraktum ohne Realität, aber

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eben an der Natur scheitert der Idealismus. Die Naturwissenschaft führt uns, wenigstens auf ihrem gegenwärtigen Standpunkte, notwendig auf einen Punkt, wo die Bedingungen menschlicher Existenz noch nicht gegeben, wo die Natur, d. h. die Erde, noch kein Gegenstand des menschlichen Auges und Bewußtseins, die Natur also ein [absolut unmenschliches Wesen] war. Der Idealismus kann hierauf erwidern: auch diese Natur ist eine [von dir gedachte] allerdings, aber daraus folgt nicht, daß diese Natur einst nicht wirklich gewesen ist, so wenig daraus, daß Sokrates und Plato für mich nicht sind, wenn ich sie nicht denke, folgt, daß sie einst ohne mich nicht gewesen sind."*

So also urteilte Feuerbach über Materialismus und Idealismus hinsichtlich der Natur vor der Existenz des Menschen. Den Sophismus von Avenarius („den Beschauer hinzuzudenken") widerlegte Feuerbach, ohne den „neuesten Positivismus" zu kennen, jedoch mit den alten, idealistischen Sophismen wohl vertraut. Basarow aber gibt ja rein gar nichts außer der Wiederholung dieses Sophismus der Idealisten: „Wäre ich dort gewesen" (in der vormenschlichen Epoche auf der Erde), „dann hätte ich die Welt so und so gesehen." („Beiträge zur Philosophie des Marxismus", S. 29.) Mit anderen Worten: Wenn ich eine offenkundig unsinnige und der Naturwissenschaft widersprechende Annahme mache (als könnte der Mensch ein Beobachter der vormenschlichen Epoche sein), so werde ich mit meiner Philosophie zurechtkommen!

Danach kann man die Sachkenntnis bzw. die literarischen Methoden Basarows beurteilen, der die „Schwierigkeit", mit der sich Avenarius, Petzoldt und Willy herumgeschlagen haben, mit keinem Wort erwähnte und dabei alles derart in einen Topf warf und dem Leser ein so unglaubliches Durcheinander auftischte, daß zwischen Materialismus und Solipsismus überhaupt kein Unterschied übrigblieb! Der Idealismus ist hier als „Realismus" präsentiert, dem Materialismus aber wird unterstellt, daß er die Existenz der Dinge außerhalb ihrer Einwirkung auf die Sinnesorgane leugne! Ja, ja, entweder hat Feuerbach den elementaren Unterschied zwi".



* L. Feuerbach, Sämtliche Werke, herausgegeben von Bolin und Jodl, Band VII, Stuttgart 1903, S. 510; oder Karl Grün, „L. Feuerbach in seinem Briefwechsel und Nachlaß sowie in seiner philosophischen Charakterentwicklung", I. Band, Leipzig 1874, S. 423-435.

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sehen Materialismus und Idealismus nicht gekannt, oder Basarow und Co. haben die Binsenwahrheiten der Philosophie völlig neu umgemodelt.

Oder nehmen wir noch Walentinow. Man sehe sich diesen Philosophen an, der natürlich von Basarow begeistert ist: 1. „Berkeley ist der Urheber der Theorie der Subjekt-Objekt-Korrelativität." (148.) Doch ist das nicht etwa Berkeleyscher Idealismus, nichts dergleichen! Das ist eine „tiefe Analyse"! 2. „In der realistischen Gestalt, abgesehen von den Formen (!) ihrer gewöhnlichen idealistischen Auslegung" (nur der Auslegung!), „sind die Grundthesen der Theorie bei Avenarius formuliert." (148.) Kleine Kinder fallen, wie man sieht, auf Mystifikationen herein! 3. „Avenarius' Ansicht über den Ausgangspunkt der Erkenntnis ist: Jedes Individuum findet sich in einer bestimmten Umgebung vor, mit anderen Worten, Individuum und Umgebung sind als gebundene und unzertrennliche (!) Glieder ein und derselben Koordination gegeben." (148.) Entzückend! Das ist kein Idealismus, Walentinow und Basarow sind über Materialismus und Idealismus erhaben, diese „Unzertrennlichkeit" von Subjekt und Objekt ist - äußerst „realistisch". 4. „Ist die umgekehrte Behauptung, daß es kein Gegenglied gibt, dem kein Zentralglied, kein Individuum entspräche, richtig? Natürlich (!) ist sie unrichtig... In der archaischen Periode grünten die Wälder ... es gab aber noch keine Menschen." (148.) Das Unzertrennliche kann also getrennt werden! Ist das etwa nicht „natürlich"? 5. „Dennoch ist die Frage des Objekts an sich vom erkenntnistheoretischen Standpunkt aus absurd." (148.) Und ob! Als es noch keine empfindenden Organismen gab, waren die Dinge dennoch mit den Empfindungen identische „Elementenkomplexe"! 6. „Die Immanenzschule in der Person von Schubert-Soldern und Schuppe kleidete diese (!) Gedanken in eine unbrauchbare Form und geriet in die Sackgasse des Solipsismus." (149.) „Diese Gedanken" selbst aber enthalten keinen Solipsismus, und der Empiriokritizismus ist durchaus kein Nachbeten der reaktionären Theorie der Immanenzphilosophen, die lügen, wenn sie ihre Sympathie für Avenarius bekunden!

Das ist keine Philosophie, ihr Herren Machisten, das ist zusammen­hangloses Geschwätz.



Datum der letzten Änderung : Jena, den: 16.08.2013