2. Die Entdeckung der Weltelemente | Inhalt | 4. Hat die Natur vor dem Menschen existiert?

3. Prinzipialkoordination und „naiver Realismus“

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Avenarius' Lehre von der Prinzipialkoordination ist in seinem „Menschlichen Weltbegriff" und in den „Bemerkungen" dargelegt. Letztere wurden später geschrieben, und Avenarius betont, daß er hier zwar etwas anders, aber doch nicht etwas anderes, sondern dasselbe darstellt wie in seiner „Kritik der reinen Erfahrung" und dem „Menschlichen Weltbegriff". („Bemerk."*, 1894, S. 137 der zitierten Zeitschrift.) Den Kern dieser Lehre bildet der Satz über die „ [unauflösliche] Koordination" (d. h. Wechselbeziehung) „des Ich-Bezeichneten und der ,Umgebung'" (S. 146). „,Philosophisch' ausgedrückt:", sagt Avenarius daselbst, „,Ich' und ,Nicht-Ich'". Beide, sowohl unser Ich wie auch die Umgebung sind „[immer ein Zusammen-Vorgefundenes]'. „Keine vollständige Beschreibung [des Vorgefundenen] kann eine ,Umgebung' enthalten, [ohne ein ,Ich'], dessen ,Umgebung' sie wäre, mindestens doch desjenigen, der das [Vorgefundene] beschreibt." (S. 146.) Das Ich wird dabei als das Zentralglied der Koordination, die Umgebung als [Gegenglied] bezeichnet. (Siehe „Der menschliche Weltbegriff", 2. Aufl., 1905, S. 83/84, § 148 ff.)

Avenarius erhebt Anspruch darauf, mit dieser Lehre den ganzen Wert des sogenannten naiven Realismus anzuerkennen, d. h. der geläufigen, unphilosophischen, naiven Auffassung aller Menschen, die sich keine Gedanken darüber machen, ob sie selbst und ob die Umgebung, die Außenwelt, existieren. Mach, der sich mit Avenarius solidarisch erklärt, ist ebenfalls bemüht, sich als Verteidiger des „naiven Realismus" aufzuspielen („Analyse der Empfindungen", S. 39 [S. 30]). Und alle russischen Machisten



* „Bemerkungen zum Begriff des Gegenstandes der Psychologie". Die Red.

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ohne Ausnahme glaubten Mach und Avenarius, daß dies wirklich eine Verteidigung des „naiven Realismus" sei: sowohl Ich als auch Umgebung werden anerkannt — was will man also noch mehr?

Um festzustellen, auf welcher Seite hier der höchste Grad wirklicher Naivität liegt, holen wir etwas weiter aus. Hier ein populäres Gespräch eines gewissen Philosophen mit dem Leser:

„Der Leser: ,Ein System von Dingen soll'" (nach Meinung der gewöhnlichen Philosophie) „ ,dasein, und von diesen erst das Bewußtsein erzeugt werden.'"

Der Philosoph: „ ,Du redest jetzt in die Seele des Philosophen von Profession..., nicht des gemeinen Menschenverstandes und wirklichen Bewußtseins ...

Sage mir und besinne dich wohl, ehe du mir antwortest: tritt denn ein , Ding ein in dich, und kommt in dir und für dich vor, außer durch und mit dem Bewußtsein desselben zugleich? ...'

Der Leser: ,Wenn ich mich meiner recht besinne, so muß ich dir dies zugeben.'"

Der Philosoph: „ ,Nun sprichst denn doch immer du selbst, aus deiner Seele und in deine Seele. Begehre doch also nicht selbst, über dich selbst hinauszuspringen, und irgend etwas anders zu fassen, als du es eben fassen'" (oder erfassen) „»kannst, als Bewußtsein und'" (hervorgehoben vom Philosophen) „ ,Ding, als Ding und Bewußtsein; oder eigentlicher als keines von beiden, sondern als dasjenige, das erst hinterher in beides unterschieden wird, das absolut subjektiv-objektive und objektiv-subjektive.'"

Hier habt ihr die Quintessenz der empiriokritischen Prinzipialkoordination, der neuesten Verteidigung des „naiven Realismus" durch den neuesten Positivismus! Der Gedanke der „unauflöslichen" Koordination ist hier ganz klar dargelegt, und zwar von dem Standpunkt ausgehend, als sei dies eine echte Verteidigung der geläufigen, durch die Klügeleien der „Philosophen von Profession" nicht entstellten menschlichen Ansicht. Indessen ist das zitierte Gespräch einem Werk entnommen, das im ]ahre 1801 erschienen ist und von einem klassischen Vertreter des subjektiven Idealismus, Johann Gottlieb Fichte*, stammt.



* Johann Gottlieb Fichte, „Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über das eigentliche Wesen der neuesten Philosophie. - Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen", Berlin 1801, S. 178-180.

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Etwas anderes als eine Umschreibung des subjektiven Idealismus wird man auch in der Lehre von Mach und Avenarius, die uns hier beschäftigt, nicht finden. Ihr Anspruch, über Materialismus und Idealismus erhaben zu sein, den Gegensatz zwischen der Anschauung, die vom Ding zum Bewußtsein geht, und der umgekehrten Anschauung aufgehoben zu haben, ist nichts als leere Anmaßung eines aufgefrischten Fichteanismus. Fichte bildete sich ebenfalls ein, er habe „Ich" und „Umgebung", Bewußtsein und Ding „unauflöslich" verbunden, er habe die Frage durch den Hinweis darauf, daß der Mensch nicht über sich selbst hinausspringen könne, „gelöst". Mit anderen Worten, es wird die Beweisführung Berkeleys wiederholt: ich empfinde nur meine Empfindungen; ich bin nicht berechtigt, „Objekte an sich" außerhalb meiner Empfindung anzunehmen. Die verschiedenen Ausdrucksweisen von Berkeley 1710, Fichte 1801 und Avenarius 1891-1894 ändern das Wesen der Sache, d. h. die philosophische Grundlinie des subjektiven Idealismus, nicht im mindesten. Die Welt ist meine Empfindung; das Nicht-Ich wird durch unser Ich „gesetzt" (geschaffen, hervorgebracht); das Ding ist unauflöslich mit dem Bewußtsein verbunden;, die unauflösliche Koordination unseres Ich und der Umgebung ist die empiriokritische Prinzipialkoordination - es ist immer ein und dieselbe These, derselbe alte Kram mit etwas aufgefärbtem oder übermaltem Aushängeschild.

Die Berufung auf den „naiven Realismus", den eine solche Philosophie angeblich verteidigt, ist ein Sophismus billigster Sorte. Der „naive Realismus" eines jeden gesunden Menschen, der nicht im Irrenhaus oder bei den idealistischen Philosophen in der Lehre war, besteht in der Annahme, daß die Dinge, die Umgebung, die Welt unabhängig von unserer Empfindung, von unserem Bewußtsein, von unserem Ich und dem Menschen überhaupt existieren. Dieselbe Erfahrung (nicht im machistischen, sondern im mensch­lichen Sinne des Wortes), die in uns die feste Überzeugung bewirkt hat, daß unabhängig von uns andere Menschen und nicht bloße Komplexe meiner Empfindungen des Hohen, Niedrigen, Gelben, Harten usw. existie­ren, dieselbe Erfahrung bewirkt bei uns die Überzeugung, daß Dinge, Welt und Umgebung unabhängig von uns existieren. Unsere Empfindungen, unser Bewußtsein sind nur das Abbild der Außenwelt, und es ist selbstverständlich, daß ein Abbild nicht ohne das Abgebildete existieren kann, das Abgebildete aber unabhängig von dem Abbildenden existiert.

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Die „naive" Überzeugung der Menschheit wird vom Materialismus bewußt zur Grundlage seiner Erkenntnistheorie gemacht.

Ist aber eine solche Einschätzung der „Prinzipialkoordination" nicht das Resultat eines materialistischen Vorurteils gegen den Machismus? Keineswegs! Die Fachphilosophen, denen jede Vorliebe für den Materialismus fremd ist, die ihn sogar hassen und sich zu diesem oder jenem idealistischen System bekennen, stimmen darin überein, daß die Prinzipialkoordination von Avenarius und Co. subjektiver Idealismus ist. So sagt zum Beispiel Wundt, dessen interessantes Urteil von Herrn Juschkewitsch nicht verstanden wurde, ganz unzweideutig, daß die Theorie von Avenarius, nach der eine vollständige Beschreibung des Gegebenen oder Vorgefundenen ohne ein gewisses Ich, ohne Beobachter oder Beschreiber unmöglich sei, eine „falsche Vermengung des Inhaltes der wirklichen Erfahrung mit der Reflexion über diese" ist. Die Naturwissenschaft, sagt Wundt, abstrahiert überhaupt von jedem Zuschauer: „Eine solche Abstraktion ist aber hinwiederum nur deshalb möglich, weil jenes [Hinzudenken] des erfahrenden Individuums zu jedem Erfahrungsinhalt, das die empiriokritische in Übereinstimmung mit der immanenten Philosophie annimmt, überhaupt eine empirisch nicht begründete Voraussetzung ist, die aus der falschen Vermengung des Inhaltes der wirklichen Erfahrung mit der Reflexion über diese hervorgeht." (Zit. Abhandlung, S. 382.) Denn die Immanenzphilosophen (Schuppe, Rehmke, Leclair, Schubert-Soldern), die, wie wir später sehen werden, selbst ihre heiße Sympathie für Avenarius betonen, gehen gerade von dieser Idee der „unauflöslichen" Subjekt-Objekt-Beziehung aus. W. Wundt zeigte aber, bevor er Avenarius analysierte, ausführlich, daß die immanente Philosophie nur eine „Modifikation" des Berkeleyanismus ist und daß, wie sehr auch die Immanenzphilosophen von Berkeley abrücken, in Wirklichkeit Wortunterschiede nicht den „tieferen Gehalt der philosophischen Lehren", nämlich den Berkeleyanismus oder den Fichteanismus, vor uns verhüllen dürfen.*

Der englische Schriftsteller Norman Smith kommt bei seiner Analyse der „Philosophie der reinen Erfahrung" von Avenarius noch viel eindeutiger und entschiedener zum selben Resultat:



* Zit. Abhandlung, § c: „Die immanente Philosophie und der Berkeleysche Idealismus", S. 373 und 375; vgl. 386 und 407. über die Unvermeidlichkeit des Solipsismus von diesem Standpunkt, S. 381.

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„Die meisten Leser von Avenarius' Werk ,Der menschliche Weltbegriff' werden wahrscheinlich darin übereinstimmen, daß die positiven Resultate desselben, so überzeugend es auch als Kritik" (des Idealismus) „ist, vollständig illusorisch sind. Wenn wir versuchen, seine Theorie der Erfahrung so zu interpretieren, wie man sie allgemein hinstellt, nämlich als wahrhaft realistisch (genuinely realistic), dann entzieht sie sich jeder klaren Darstellung: ihr ganzer Sinn scheint sich in der Negation des Subjektivismus, den sie widerlegt, zu erschöpfen. Erst wenn wir die Fachausdrücke von Avenarius in eine gebräuchlichere Sprache übersetzen, entdecken wir, wo in Wahrheit der Ursprung der Mystifikation liegt. Avenarius hat die Aufmerksamkeit von den Mängeln seiner Position dadurch abgelenkt, daß er seinen Hauptangriff gerade gegen jenen schwachen Punkt" (d. h. den idealistischen Punkt) „richtet, der für seine eigene Theorie verhängnisvoll ist."* „Bei allen Betrachtungen von Avenarius kommt ihm die Unbestimmtheit des Terminus Erfahrung wohl zustatten. Einmal bedeutet dieser Terminus" (experience) „das Erfahren und ein andermal das Erfahrene. Die letztere Bedeutung wird dann betont, wenn von der Natur des Ich (of the seif) die Rede ist. Diese zwei Deutungen des Ausdrucks Erfahrung fallen praktisch zusammen mit seiner wichtigen Unterscheidung zwischen der absoluten und der relativen Betrachtungsart" (oben habe ich die Bedeutung dieser Unterscheidung bei Avenarius gezeigt); „und diese beiden Gesichtspunkte sind in seiner Philosophie miteinander nicht wirklich in Einklang gebracht. Denn wenn er die Annahme als rechtmäßig zuläßt, daß die Erfahrung auf ideelle Weise durch das Denken ergänzt werde" (die vollständige Beschreibung der Umgebung wird ideell durch den Gedanken von dem betrachtenden Ich ergänzt), „macht er ein Zugeständnis, das er nicht mit seiner Behauptung vereinbaren kann, daß nichts existiere außer in Beziehung zum Ich (to the seif). Die ideelle Ergänzung der gegebenen Realität, die sich aus der Zerlegung der materiellen Körper in Elemente ergibt, die den menschlichen Sinnen nicht zugänglich sind" (es handelt sich um die materiellen Elemente, die von der Naturwissenschaft entdeckt worden sind, um die Atome, Elektronen usf., nicht aber um die von Mach und Avenarius erfundenen Elemente), „oder daraus, daß man die Erde in eine Zeit zurückverfolgt, wo noch kein



* Norman Smith, „Avenarius' Philosophy of Pure Experience" [Avenarius' Philosophie der reinen Erfahrung] in ,,Mind"33, vol. XV, 1906, p. 27/28.

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menschliches Wesen auf ihr existierte, ist, strenggenommen, keine Ergänzung der Erfahrung, sondern nur dessen, was wir erfahren. Dies ergänzt bloß eines der Glieder der Koordination, von denen Avenarius behauptet hat, sie seien untrennbar. Das führt uns nicht nur zu dem, was nie erfahren worden ist (has not been experienced), sondern zu dem, was niemals, auf keinen Fall von Wesen wie wir erfahren werden kann. Aber hier kommt Avenarius wieder der Doppelsinn des Ausdrucks Erfahrung zu Hilfe. Er schließt, daß der Gedanke eine ebenso wahre (genuine) Form der Erfahrung ist wie die sinnliche Wahrnehmung, und fällt so schließlich zurück in das abgedroschene (time-worn) Argument des subjektiven Idealismus, nach dem Gedanke und Realität untrennbar sind, weil die Realität nur im Gedanken erfaßt werden kann und der Gedanke die Existenz des Denkenden einschließt. Also: nicht irgendeine originelle oder tiefe Wiederherstellung des Realismus, sondern nur die Wiederherstellung der wohlbekannten Position des subjektiven Idealismus in seiner rohesten (crudest) Form ist das Endresultat der positiven Spekulationen von Avenarius." (p. 29.)

Hier ist die Mystifikation von Avenarius, der den Fehler Fichtes vollständig wiederholt, vortrefflich aufgedeckt. Die famose Aufhebung des Gegensatzes zwischen Materialismus (Smith sagt zu Unrecht: Realismus) und Idealismus durch das Wörtchen „Erfahrung" hat sich, sobald wir nur begonnen haben, zu bestimmten konkreten Fragen überzugehen, sofort als Legende erwiesen. Eine solche Frage ist das Problem der Existenz der Erde vor dem Menschen und vor jeglichen empfindenden Wesen. Wir werden darüber gleich noch ausführlicher sprechen. Hier bemerken wir lediglich, daß nicht nur N. Smith, ein Gegner der Theorie von Avenarius, den fiktiven Avenariusschen „Realismus" entlarvt, sondern auch der Immanenzphilosoph W. Schuppe, der den „Menschlichen Weltbegriff" bei seinem Erscheinen als Bestätigung des naiven Idealismus so warm begrüßt hat.* Die Sache verhält sich nämlich so, daß W. Schuppe mit einem solchen „Realismus", d. h. mit einer solchen Mystifikation des Materialismus, wie Avenarius sie auftischt, vollkommen einverstanden ist. Auf so einen „Realismus", schrieb er an Avenarius, habe ich immer Anspruch erhoben, mit dem gleichen Rechte wie Sie, [hochverehrter Herr Kollege], denn mich,



* Siehe den offenen Brief von "W. Schuppe an R. Avenarius in „Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie", Bd. 17,1893, S. 364-388.

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den Immanenzphilosophen, hat man als einen subjektiven Idealisten verleumdet. „Mein Begriff des Denkens ... [verträgt sich vortrefflich] mit Ihrer, hochverehrter Herr Kollege, ,Theorie der reinen Erfahrung'" (S. 384). „Die Zusammengehörigkeit und Unzertrennlichkeit der beiden Glieder der Koordination" gibt in Wirklichkeit nur [das Ich] (d. h. das abstrakte, Fichtesche, Selbstbewußtsein, der vom Gehirn losgerissene Gedanke). „Was Sie eliminieren wollten, haben Sie stillschweigend vorausgesetzt", schrieb (S. 388) Schuppe an Avenarius. Und es ist schwer zu sagen, wer den Mystifikator Avenarius empfindlicher entlarvt, Smith durch seine direkte und klare Widerlegung oder Schuppe, der über die abschließende Arbeit von Avenarius ein so begeistertes Urteil abgibt. In der Philosophie ist der Kuß eines Wilhelm Schuppe nicht weniger kompromittierend als in der Politik der Kuß eines Peter Struve oder des Herrn Menschikow.

Ebenso sagt O. Ewald, der Mach lobt, weil dieser dem Materialismus nicht erlegen ist, über die Prinzipialkoordination: „Erklärt man die Korrelation von Zentralglied und Gegenglied für eine erkenntnistheoretische Notwendigkeit, die zu umgehen unmöglich sei, so betritt man, auch wenn auf dem Umhängeschild der Name ,Empiriokritizismus' in den schreiendsten Lettern prangt, einen Standpunkt, der sich in nichts von dem absoluten Idealismus unterscheidet." (Eine unrichtige Bezeichnung; es müßte subjektiver Idealismus heißen; denn der absolute Idealismus Hegels verträgt sich mit der Existenz der Erde, der Natur, der physischen Welt ohne den Menschen, wobei unter Natur nur das „Anderssein" der absoluten Idee verstanden wird.) „Hält man dagegen an jener Koordination nicht fest, und beläßt man den Gegengliedern ihre Unabhängigkeit, so liegen mit einem Male alle metaphysischen Möglichkeiten, insbesondere nach der Seite des transzendentalen Realismus hin, offen." (Zit. Werk, S. 56/57.)

Herr Friedländer, der sich hinter dem Pseudonym Ewald verbirgt, versteht unter Metaphysik und transzendentalem Realismus den Materialismus. Selbst Verfechter einer Spielart des Idealismus, stimmt er mit den Machisten und Kantianern gänzlich darin überein, daß der Materialismus Metaphysik sei, „von Anfang bis Ende wüsteste Metaphysik" (S. 134). Bezüglich des „Transzensus" und des metaphysischen Charakters des Materialismus ist er ein Gesinnungsgenosse Basarows und aller unserer Machisten, worüber wir später noch gesondert sprechen müssen. Hier ist

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es wichtig, noch einmal festzustellen, wie sich die eitle Gelehrtenanmaßung, Idealismus und Materialismus überwinden zu wollen, in Wirklichkeit verflüchtigt und die Frage mit unerbittlicher Unversöhnlichkeit gestellt wird. „Den Gegengliedern ihre Unabhängigkeit belassen" bedeutet (wenn man die geschraubte Sprache des sich schier verrenkenden Avenarius in eine einfache menschliche Sprache übersetzt) die Natur, die Außenwelt für unabhängig von Bewußtsein und Empfindung des Menschen halten. Das aber ist Materialismus. Eine Erkenntnistheorie aufbauen, die sich auf die Annahme der unauflöslichen Zusammengehörigkeit des Objekts mit der menschlichen Empfindung gründet („Empfindungskomplexe" = Körper; „Weltelemente", die im Psychischen und Physischen identisch sind; Avenariussche Koordination usw.), heißt unvermeidlich in Idealismus verfallen. Dies ist die einfache und unabwendbare Wahrheit, die bei einiger Aufmerksamkeit leicht in dem Wust der äußerst geschraubten, die Sache absichtlich verdunkelnden und das breite Publikum von der Philosophie abschreckenden, quasigelehrten Terminologie der Avenarius, Schuppe, Ewald und anderen zu entdecken ist.

Der „Ausgleich" zwischen der Theorie von Avenarius und dem „naiven Realismus" hat am Ende sogar bei seinen Schülern Zweifel hervorgerufen. So meint z. B. R. Willy, daß die geläufige Behauptung, Avenarius sei zum „naiven Realismus" gekommen, cum grano salis zu verstehen sei. „Als Dogma wäre ja der naive Realismus durchaus nichts anderes als der Glaube an die [außerpersönlichen] Dinge an sich in sinnlich handfester Gestalt."* Mit anderen Worten: Die einzige Erkenntnistheorie, die man tatsächlich in wirklicher und nicht fiktiver Übereinstimmung mit dem „naiven Realismus" aufbauen kann, ist nach Willys Ansicht der Materialismus! Willy aber lehnt selbstverständlich den Materialismus ab. Doch muß er zugeben, daß Avenarius die Einheit der „Erfahrung", die Einheit von „Ich" und Umgebung im „Menschlichen Weltbegriff" „durch eine Reihe komplizierter und teilweise sehr gekünstelter Hilfs- und Mittelbegriffe" zu gewinnen sucht (171). Der „menschliche Weltbegriff", als Reaktion gegen den anfänglichen Idealismus von Avenarius, „hat durchaus den Charakter [eines Ausgleiches] zwischen dem naiven Realismus des Common sense und dem erkenntnistheoretischen Idealismus der Schulphilosophie. Aber daß nun ein solcher Ausgleich die Einheit und Ganzheit



* K. "Willy, „Gegen die Schulweisheit", S. 170.

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der Gesamterfahrung" (Willy spricht auch von [Grunderfahrung]; wieder ein neues Wörtchen!) „herzustellen imstande wäre, möchte ich nicht behaupten." (170.)

Ein wertvolles Eingeständnis! Einen Ausgleich zwischen Idealismus und Materialismus herzustellen ist der „Erfahrung" von Avenarius nicht gelungen. Willy scheint die Schulphilosopbie der Erfahrung zu verneinen, um sie durch eine dreimal verworrenere Philosophie der „Grund"erfahrung zu ersetzen...



Datum der letzten Änderung : Jena, den: 16.08.2013