5. Denkt der Mensch mit dem Gehirn? | Inhalt | KAPITEL II

6. Über den Solipsismus von Mach und Avenarius

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Wir sahen, daß Ausgangspunkt und Grundthese der Philosophie des Empiriokritizismus der subjektive Idealismus ist. Die Welt ist unsere Empfindung - das ist die Grundthese, die zwar durch das Wörtchen „Element", durch die Theorien der „unabhängigen Reihe", der „Koordi-

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nation" und der „Introjektion" vertuscht, aber nicht im geringsten verändert wird. Die Absurdität dieser Philosophie liegt darin, daß sie zum Solipsismus führt, dazu, daß allein das philosophierende Individuum als existierend anerkannt wird. Unsere russischen Machisten aber versichern dem Leser, daß es „äußerster Subjektivismus" sei, Mach „des Idealismus oder gar des Solipsismus" zu „beschuldigen". So äußert sich Bogdanow im Vorwort zur „Analyse der Empfindungen"*, S. XI, und die ganze Machistengesellschaft wiederholt es in den verschiedensten Tonarten.

Nachdem wir auseinandergesetzt haben, welcher Mittel sich Mach und Avenarius bedienen, um ihren Solipsismus zu verschleiern, müssen wir noch eines hinzufügen: Der „äußerste Subjektivismus" der Behauptungen liegt ganz auf seiten von Bogdanow und Co., denn in der philosophischen Literatur haben Schriftsteller der verschiedensten Richtungen die Haupt­sünde des Machismus unter allen ihren Verschleierungen längst aufgedeckt. Wir beschränken uns auf eine einfache Aufzählung der Meinungen, die den „Subjektivismus" der 'Unkenntnis unserer Machisten zur Genüge be­weisen. Dabei ist wohl zu beachten, daß die Philosophen vom Fach fast alle mit der einen oder anderen Spielart des Idealismus sympathisieren; in ihren Augen ist der Idealismus durchaus kein Vorwurf, wie bei uns Marxisten. Sie konstatieren aber die wirkliche philosophische Richtung Machs, indem sie dem einen idealistischen System ein anderes, eben­falls idealistisches System entgegenstellen, das sie für konsequenter halten.

0. Ewald schreibt in seinem der Untersuchung der Avenariusschen Lehren gewidmeten Buch, der „Schöpfer des Empiriokritizismus" verurteile sich noiens volens zum Solipsismus (l. c., S. 61/62).

Hans Kleinpeter, ein Jünger Machs, mit welchem sich Mach im Vorwort zu „Erkenntnis und Irrtum" ausdrücklich solidarisiert, weist darauf hin, „... daß gerade Mach ein Beispiel für die Verträglichkeit eines erkenntnis­theoretischen Idealismus mit den Anforderungen der Naturwissenschaft ist" (für die Eklektiker ist absolut alles „verträglich"!) „und daß letztere sehr wohl vom Solipsismus ausgehen kann, ohne bei ihm stehenbleiben zu müssen" („Archiv für systematische Philosophie"38 , Band VI, 1900, S. 87).



* Gemeint ist Bogdanows Vorwort zur russischen Ausgabe, der „Analyse der Empfindungen". Der Übers.

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E. Lucka in einer kritischen Studie über die „Analyse der Empfindungen" von Mach: Abgesehen von diesem Mißverständnis „steht Mach auf dem Boden des reinen Idealismus". „Es ist unverständlich, daß Mach sich dagegen verwahrt, Berkeleyaner zu sein." („Kantstudien"39 , Band VIII, 1903, S. 416,417.)

W. Jerusalem, ein erzreaktionärer Kantianer, mit dem sich Mach in demselben Vorwort solidarisiert („eine nähere Verwandtschaft" der Gedanken, als Mach früher annahm: S. X, Vorwort zu „Erk. u. Irrt.", 1906): „Der ganz zu Ende gedachte Phänomenalismus führt zum Solipsismus." Daher müsse man so nebenbei einiges von Kant übernehmen! (Siehe „Der kritische Idealismus und die reine Logik", 1905, S. 26.)

R. Hönigswald: „... stellt die Anhänger der immanenten Philosophie und die Schule der Empiriokritiker vor die Alternative zwischen Solipsismus und einer Metaphysik etwa im Sinne Fichtes, Schellings oder Hegels." („über die Lehre Humes von der Realität der Außendinge", 1904, S. 68.)

Der englische Physiker Oliver Lodge spricht in einem Buch gegen den Materialisten Haeckel so nebenbei, wie von etwas allgemein Bekanntem, von „Solipsisten wie Pearson und Mach" (Sir Oliver Lodge, „La vie et la matière", Paris 1907, p. 15).*

Was den Machisten Pearson betrifft, so sprach das Organ der englischen Naturforscher „Nature"40 durch den Mund des Geometers E. T. Dixon eine ganz bestimmte Meinung aus, die wert ist, wiedergegeben zu werden, nicht etwa, weil sie neu ist, sondern weil die russischen Machisten naiverweise Machs philosophischen Mischmasch für eine „Philosophie der Naturwissenschaft" gehalten haben (Bogdanow, S. XII u. a. des Vorworts zur „Analyse der Empfindungen"),

„Die Grundlage des ganzen Werkes von Pearson", schrieb Dixon, „ist folgender Satz: da wir nichts anderes unmittelbar kennen können als Sinneswahrnehmungen (sense-impressions), sind die Dinge, von denen wir gewöhnlich als objektiven und äußeren Gegenständen sprechen, nichts anderes als Gruppen von Sinneswahrnehmungen. Aber Professor Pearson gibt die Existenz fremder Bewußtseine zu; er tut das nicht bloß stillschweigend, indem er sich an sie mit seinem Buche wendet, sondern auch



* Vgl. deutsche Ausgabe: Oliver Logde, „Leben und Materie", Berlin 1908, S. 7. Der Übers.

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ausdrücklich an vielen Stellen seines Buches." Auf die Existenz des fremden Bewußtseins schließe Pearson nach der Analogie, indem er die Körperbewegungen anderer Menschen beobachtet: sei aber einmal das fremde Bewußtsein real, so gebe es auch über die Existenz der Menschen außer mir keinen Zweifel! „Gewiß würde es nicht möglich sein, auf diese Weise einen konsequenten Idealisten zu widerlegen, der da behauptete, daß nicht nur die Außendinge, sondern auch alle fremden Bewußtseine unreal seien und nur in seiner Einbildung existieren. Aber die Realität fremder Bewußtseine anerkennen, heißt die Realität jener Mittel anerkennen, durch die wir auf das fremde Bewußtsein schließen, d. h. ... des Äußeren der menschlichen Körper." Der Ausweg aus dieser Schwierigkeit sei die Anerkennung der „Hypothese", daß unseren Sinneswahrnehmungen eine objektive Realität außerhalb von uns entspricht. Diese Hypothese erkläre durchaus befriedigend unsere Sinneswahrnehmungen: „Ich kann nicht ernstlich daran zweifeln, daß Professor Pearson selbst ebenso an sie glaubt, wie alle anderen Menschen auch. Würde er dies jedoch ausdrücklich anerkennen, dann müßte er fast jede Seite seiner Schrift ,The Grammar. of Science' neu schreiben."*

Spott und Hohn - das ist die Antwort der denkenden Naturforscher auf die idealistische Philosophie, die bei Mach Entzücken auslöst.

Zum Schluß noch die Äußerung des deutschen Physikers L. Boltzmann. Die Machisten werden vielleicht mit Fr. Adler sagen, daß er ein Physiker der alten Schule sei. Es handelt sich aber jetzt nicht um Theorien der Physik, sondern um die Grundfrage der Philosophie. Boltzmann wendet sich gegen die Leute, die „durch die neuen erkenntnistheoretischen Dogmen ganz befangen" sind, und schreibt: „überhaupt hat das Miß­trauen zu den aus den direkten Sinneswahrnehmungen erst abgeleiteten Vorstellungen zu dem dem früheren naiven Glauben entgegengesetzten Extreme geführt. Nur die Sinneswahrnehmungen sind uns gegeben, daher - heißt es, darf man keinen Schritt darüber hinausgehen. Aber wäre man konsequent, so müßte man weiter fragen: Sind uns auch unsere gestrigen Sinneswahrnehmungen gegeben? Unmittelbar gegeben ist uns doch nur die eine Sinneswahrnehmung oder der eine Gedanke, den wir jetzt im Moment denken. Wäre man konsequent, so müßte man nicht nur



* „Nature", 1892, July 21, p. 269.

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alle anderen Wesen außer dem eigenen Ich, sondern sogar alle Vorstellun­gen, die man zu allen früheren Zeiten hatte, leugnen."*

Den angeblich „neuen", „phänomenologischen" Standpunkt von Mach und Co. behandelt dieser Physiker verdientermaßen als eine alte Absurdität des philosophischen subjektiven Idealismus.

Nein, mit „subjektiver" Blindheit sind die Leute geschlagen, die den Solipsismus als den Hauptfehler Machs „übersehen" haben.



* Ludwig Boltzmann, „Populäre Schriften", Leipzig 1905, S. 132. Vgl. 168, 177, 187 u. a.



Datum der letzten Änderung : Jena, den: 15.08.2013