Stadtbefestigung in Jena

Pulverturm

Infolge der zahlreichen Stadterweiterungen wurde zwischen 1780 und 1850 der ehemalige Stadtmauerring stark beeinträchtigt. Von ihm legen heute nur noch Reste, besonders am Westverlauf, Zeugnis ab. — Nachdem die Herren von Lobdeburg, die seit dem 12. Jh. Jena im Besitz hatten, den Ort 1230 mit Stadtrechten versehen hatten, wurde vermutlich mit dem Bau einer planmäßigen Befestigung, für diese Zeit üblich, begonnen. Die ursprüngliche Stadtanlage war ein sich in Ost-West-Richtung erstreckendes Rechteck von etwa 500 x 400 m. Ihre Begrenzung verlief im Zuge der heutigen Straßen Fürstengraben — Leutragraben — Teichgraben — Löbdergraben.

Die Errichtung der mittleren Westtorbefestigung mit dem Johannisturm ist urkundlich für 1304 belegt, die des ehemaligen Löbdertores an der Südseite für 1319. Im Jahre 1354 folgte das östlich gelegene Saaltor. Die Vermutung liegt nahe, daß der aus Muschelkalk errichtete Mauerring einschließlich der Ecktürme im 14. Jh. vollendet und verteidigungsfähig war. Um 1430 hat man ihn grundlegend verstärkt, wie eine Inschrift am Roten Turm an der Südostecke aussagt. Erst 1446 wurde die Zwätzener Pforte am nördlichen Verlauf genannt.

Inschrift am Turmfuß des Roten Turm

Die Einebnung des Wassergrabens, der die Stadt umschloß, geschah im ausgehenden 18. Jh., ihr folgten Abbrüche mehrerer Tore. — Von der einstigen, unter Denkmalschutz stehenden Befestigungsanlage sind das Johannistor und der Pulverturm, dazwischen der einzige noch aufrechtstehende Mauerrest, die Ruine des sog. Anatomieturmes, der Sockel des Schloßturmes und Reste des Roten Turmes erhalten geblieben. Der einzige erhaltene der ehemaligen Ecktürme, am Ende des 13. Jh. an der Nordwestecke errichtet, ähnelt mit seinen mächtigen, zu Beginn des 15. Jh. im. Zusammenhang mit einer Verstärkung der Mauer errichteten Außenbastionen einer kleinen Burganlage. Der runde Turm hat vier Geschosse und ist, mit einem oberen, zinnenbewehrten Umgang über gereihten, Spitzbögen bekrönt; über der Mitte erhebt sich ein massives Kegeldach. Schmale Seh- und Schießschlitze erhellen sein Inneres, das nur über einen Eingang im zweiten Obergeschoß an der Südostseite, der Stadt zugewandt, erreicht werden konnte. Im Erdgeschoß hat sich das überwölbte, nur durch eine kleine Öffnung zugängliche Verlies für Gefangene erhalten, dessen Mauern etwa 1,5m stark sind. Um mit der wuchtigen, nach Südosten offenen, im Innern etwa 7 m hohen Ummauerung optimale Verteidigungsmöglichkeiten zu gewährleisten, wurde das Erdreich um den Turm aufgeschüttet. Die dickwandigen halbrunden Bastionen mit Zinnen sitzen auf Konsolsteinen und tragen Schießscharten. Außerdem sorgten senkrechte Fallöffnungen für weitere Möglichkeiten zur Abwehr feindlicher Angriffe. Ähnliche Ausbauten, die sog. Rondelle, wurden in gleicher Zeit auch an den Längsseiten des Mauerrings errichtet. Reste des ehemaligen Wassergrabens haben sich als leichte Vertiefung zwischen Fußweg und Turm erhalten.

Ehemals von einer Vortoranlage umgeben, bildet das im nördlichen Abschnitt der westlichen Stadtmauer liegende Tor den Abschluß der wichtigsten durch Jena führenden Straße, der ehemaligen Johannisgasse (heute Johannisstraße), dem an der Ostseite das Saaltor entsprach, während den dritten Ein- bzw. Ausgang das Löbdertor am Südverlauf bildete. Saaltor und Löbdertor fielen Stadterweiterungen bzw. Neubauten zum Opfer, so daß das Johannistor als einziger Torturm Jenas erhalten geblieben ist.

Einst mit dem Turm der Kirche St. Michael die Akzente der Stadt bildend, wird er heute in seiner Höhe um ein Vielfaches vom neuen Universitätshochhaus (120m) in seiner unmittelbaren Nähe übertroffen, der ihn optisch zurücktreten läßt. Für mittelalterliche Verhältnisse ist er jedoch ein recht bedeutender Turm, der mit seinen fünf Geschossen und dem massiven Kegeldach eineHöhe von etwa 20 m erreicht und die Häuser weit überragte. — Im Erdgeschoß ist die große, spitzbogige Durchfahrt mit einem Kreuzgratgewölbe überspannt, in dessen Scheitel eine Öffnung der Verbindung zwischen Innerem und Torfahrt diente. Schmale Sehschlitze sind regelmäßig um den Turm verteilt; der Zugang vom Wehrgang her, der an der Ostseite verlief — ersichtlich noch an den erhaltenen Konsolsteinen —, lag im ersten Obergeschoß in etwa 7 m Höhe. An der symmetrisch gegliederten Westseite beweisen zweimal vier in Abstand übereinanderliegende Führungssteine die Existenz eines ehemaligen Falltores. Ein auf drei großen Kragsteinen mit Konsolen und Gewölbe ruhender rechteckiger Erker, dessen Brüstungsplatten mit Dreipaßblenden belegt sind, bildet den Hauptakzent der Feldseite, er entstand um 1430. Der früher als „Käsekorb" bezeichnete Ausbau wird dem Beobachtungsposten als Ausguckanlage gedient haben. Es läßt sich leicht vorstellen, daß er von hier aus die gesamte Westfront der Befestigung einsehen konnte.

Zwischen Pulverturm und Johannistor hat sich ein etwa 8—10 m hoher und etwa 2 m starker Mauerrest erhalten, der infolge von Abbrüchen in den vergangenen Jahren hauptsächlich an seiner Innenseite gut sichtbar ist. Im Abstand von 5 m liegen an der Oberkante schlitzartige Gußrinnen, darunter Schießscharten. Die Doppelzonigkeit der Verteidigungsöffnungen deutet auf eine Erhöhung, die sicherlich anläßlich der Verstärkung in der Zeit um 1430 stattfand. An der Ostseite bezeugen Balkenlöcher in halber Höhe und zwei Schartenkammern das Vorhandensein des unteren — des ersten — sowie fünf Kragsteine die des oberen Wehrgangs. Im Zuge der Umgestaltung der Innenstadt wurde dieser Abschnitt, besonders das östliche Vorgelände, zu einer Ruhezone mit Grünflächen umgestaltet, so daß an dieser Stelle nahezu das ursprüngliche Aussehen der Verteidigungsanlage wieder erlebbar ist.

Detail Löbdergraben 6
Der Anatomieturm

Von den übrigen Ecktürmen ist lediglich der sog. Anatomieturm im Südwesten in größeren Teilen erhalten geblieben, hinter dem sich im Mittelalter die Dominikaner angesiedelt hatten. Der im 13. Jh. entstandene Bau hatte im 18. Jh. einen achtseitigen Aufbau mit hohen Fenstern und Zeltdach erhalten, in dem der Hörsaal der Anatomie untergebracht war, das sog. „anatomische Theater". Seit dem Abbruch 1860 blieb der Turm Ruine. — Goethe betrieb hier wissenschaftliche Studien und hat in Zusammenarbeit mit dem Mediziner Justus Loder 1784 im Anatomieturm seine aufsehenerregende Entdeckung des Zwischenkieferknochens gemacht. — Während sich vom ehemaligen nordöstlichen Eckturm (Schloßturm) nur der Sockel im Gelände des heutigen Universitätshauptgebäudes erhalten hat, blieb vom südöstlichen das Erdgeschoß vom Abbruch verschont, das die bereits genannte Inschrift von 1430 trägt. Der bis zur Mitte des 19. Jh. noch in zwei Geschossen erhaltene Turm wurde 1865 um vier Obergeschosse aus Backsteinen erhöht und mit einer Dachbrüstung und kleinen Achtecktürmen ausgestattet. Durch sein Aussehen erhielt er der Namen Roter Turm


 
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Datum der letzten Änderung:  Jena, den: 01.10. 2016