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Mode zwischen 1850-1870

Während die Kleidung der Männer sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung anpassen musste und immer mehr zum »Arbeitsanzug« wurde, schuf die Frauenmode in den fünfziger Jahren ihr »Zweites Rokoko«. In Frankreich, das seit 1851 sein Zweites Kaiserreich erlebte, hatten ebenso wie in England und Österreich junge und ehrgeizige Fürstinnen den Thron inne. Sie ließen den Hof wieder stärker in den Blickpunkt der Mode rücken. Vor allem machte die schöne und elegante Kaiserin Eugenie den französischen Hof – ähnlich wie zur Zeit Marie Antoinettes – wieder zu einem Mittelpunkt der Moden. Als sie im Jahre 1869 zur Eröffnung des Suezkanals fuhr, soll sie 250 Kleider mitgenommen haben, von denen jedes ungemein kostbar war. Der Hofadel musste sich seinen Platz im 19. Jahrhundert allerdings mit dem Geldadel teilen, wobei sich beide im Luxus zu überbieten suchten.

Das charakteristische Trachtenmerkmal der fünfziger und sechziger Jahre, das dieser Epoche kostümgeschichtlich die Bezeichnung »Zweites Rokoko« einbrachte, war der Reifrock, der im 19. Jahrhundert nach dem Crin – das heißt dem Roßhaar -, das man ursprünglich zum Versteifen der Röcke und Unterröcke verwandte, Krinoline genannt wurde. Als die Weite der Röcke in den fünfziger Jahren noch zunahm, reichte die Häufung der Unterröcke, die Verwendung von Roßhaarstoffen und -polstern,Strohgeflechten und dergleichen nicht mehr aus, um den immer stärker anschwellenden Stoffmassen den gewünschten Halt zu geben, so dass die Mode zum Reifrock des 18. Jahrhunderts zurückkehren musste. Dieser wurde aber nicht mehr wie seine Vorläufer aus Fischbein hergestellt. Im Jahre 1856 wurde die aus Stahlschienen bestehende »künstliche Krinoline« erfunden, die sehr viel leichter als alle zuvor benutzten Hilfsmittel war und ihren Erfinder innerhalb weniger Wochen zu einem reichen Mann machte.

Da die Taille des Mieders bei der riesigen Weite, die die Krinoline im Laufe der fünfziger Jahre annahm, ohnehin schmal wirkte, rückte sie wieder an ihre natürliche Stelle. Sie wurde außerdem nicht mehr so eng geschnürt. Das große abendliche Dekollete rahmte man weiterhin mit der Berthe, die oft mit Spitzen, Rüschen, Volants oder gar Edelsteinen verziert war und den zu einem schmalen Streifen zusammenschmelzenden Ärmel oft völlig verdeckte. Zu den Tageskleidern, die stets hochgeschlossen waren, trug man in den fünfziger Jahren meist dreiviertellange Ärmel, die sich wie der Bischofs- oder Pagodenärmel nach unten erweiterten. Wie der Reifrock waren auch diese Ärmel gleichsam Nachkommen der Rokokomoden. Da man im 19. Jahrhundert dazu - auf der Straße forderte die Mode die Verhüllung der Arme - noch ballonförmige Unterärmel trug, die im Laufe der Jahre immer umfangreicher wurden, mussten die Ärmel wie die Röcke mit Stahlschienen gestützt werden. Stoffe, Farben Aber nicht nur der Schnitt der Kleider wurde immer anspruchsvoller. Die Mode schrieb sogar für Straßenkleider wieder Seidenstoffe vor. Besondere Vorliebe herrschte für changierende Stoffe wie Moire antique, Taft und ähnliche Materialien. Für Festkleider waren trotz der riesigen Rockweiten Gold- und Silberbrokate nicht zu kostspielig. Als man der Kaiserin Eugenie ihren Kleiderluxus vorwarf, entschuldigte sie sich damit, dass sie durch ihr Vorbild der schwer darniederliegenden französischen Textilwirtschaft, insbesondere der Seiden- und Atlasindustrie, Käufer werben und so dem Wohlstand ihres Landes dienen wollte. In den fünfziger und sechziger Jahren waren auch duftige Gewebe wie Musselin, Gaze und Tüll sehr beliebt, zumal Kleider aus diesem Material kaum weniger kostspielig als Seidenroben waren. Diese zarten, meist weißen Gespinste waren außerordentlich empfindlich und konnten daher nur wenige Male getragen werden. Sie wurden mit Rüschen und Volants überhäuft, so dass der Besatz oft ein Vielfaches des Wertes der Kleider ausmachte. Die Zahl der Volants wuchs von Jahr zu Jahr: Während man sich am Ende der vierziger Jahre noch mit 5 bis 9 Volants »begnügte«, waren am Ende der fünfziger Jahre Kleider mit 25 Volants keine Seltenheit mehr. Im Jahre 1859 trug die französische Kaiserin ein weißes Abendkleid, das mit 103 Tüllvolants besetzt war. Diese Kleider, die die Frauen in eine Wolke aus spinnwebfeinen Stoffen hüllten, waren nicht nur teuer, sie waren auch recht gefährlich. Das leicht brennbare Material verursachte viele Unglücksfälle. So verbrannte die Tochter des Malers Wilhelm von Kügelgen beim Ankleiden. Am furchtbarsten war eine Feuersbrunst, die im Jahre 1863 in der Kathedrale von Santiago bei einem Gottesdienst ausbrach und zweitausend Frauen das Leben kostete. Aber weder Unglücksfälle noch Kostspieligkeit und Unbequemlichkeit führten das Ende der Krinoline herbei. Als im Jahre 1859 allein in Sheffield wöchentlich Material für eine halbe Million Krinolinen hergestellt wurde, hatten diese schließlich ihren Sinn als Standessymbol der herrschenden Schichten verloren. Die Krinolinen waren bereits für wenige Taler zu kaufen, wogen nur noch ein halbes Pfund und wurden sogar von Dienstmädchen getragen. Die Mode und ihre Auftraggeberinnen versuchten sich zunächst durch eine zunehmende Vergrößerung der Röcke vor dieser »Plebejisierung« zu schützen. Dieser Entwicklung waren jedoch Grenzen gesetzt, weil - wenn die Frauen sich in ihren Krinolinenröcken überhaupt noch bewegen wollten - der Saumumfang der Röcke nicht über zehn Meter und ihr Durchmesser nicht über zwei bis zweieinhalb Meter anwachsen konnten.

Die Reifen der Krinoline rutschten schon bald darauf tiefer, so dass sich der Rock erst in Kniehöhe zu weiten begann und sein ursprünglich kuppelförmiger Umriss Pyramidenform annahm. Im Laufe der sechziger Jahre wurde der Rock vorn immer flacher, gleichzeitig wuchs er hinten in die Länge, so dass er - von der Seite gesehen - schließlich einem rechtwinkligen Dreieck glich. Sogar auf der Straße wurden Schleppen von ein bis zwei Meter Länge getragen, die man nicht einmal beim Gehen aufnahm, so dass die Damen die »Straßen kehrten«. Je länger die Schleppe wurde, um so höher rückte - ähnlich wie bei den klassizistischen Moden nach der Französischen Revolution - die Taille. Zur gleichen Zeit wurde das aus einem Stück geschnittene Kleid wieder modern, so dass man in der Kostümgeschichte mitunter von einem »Zweiten Empire« spricht. Von der neu entdeckten Vorliebe für die Antike sprechen auch die Mäandermuster, mit denen man die »Tunika« und das »Peplum«, wie man die glatt geschnittenen Obergewänder nannte, verzierte. Auch Kameen, aus denen Broschen und Ringe hergestellt wurden, waren wieder große Mode. Da unter diesen »klassischen Gewändern« Krinolinen - wenn auch in verkleinerter Form -getragen wurden, hatte die Mode am Ende des Zweiten Kaiserreiches aber nur wenig mit den antikisierenden Moden des Ersten Kaiserreiches gemein. Außerdem fand dieses »Zweite Empire« bereits nach wenigen Jahren sein Ende. Die Taille rückte wieder tiefer und wurde erneut stark geschnürt. Im Jahre 1867 wurde die Polonaise modern, bei der der Oberrock - wie schon im ausgehenden Rokoko - an den Seiten und hinten mit Bändern hochgerafft wurde, so dass die Mode schon am Ende der sechziger Jahre jene neue Silhouette zeigte, die für die beiden kommenden Jahrzehnte typisch werden sollte. Haartracht Die Haartrachten passten sich den sich wandelnden Silhouetten des Rockes an: In den fünfziger Jahren kamen die Stocklocken allmählich ganz aus der Mode. Das Haar wurde in der Mitte gescheitelt und in einem sanften, die Ohren völlig bedeckenden Bogen nach hinten genommen und hier in einem kunstvollen,tief sitzenden Chignon, aus dem sich oft noch ein paar Haarlocken lösten, zusammengefasst. Als der Rock vorn zusammenschmolz und sich hinten zur Schleppe verlängerte, wurde das Haar ebenfalls strenger nach hinten gestrichen, während der Chignon höher auf den Hinterkopf hinaufrückte und voller und größer wurde. Modeindustrie Fast scheint es, als sei die Frauenmode dieser Jahre von den umwälzenden gesellschaftlichen und industriellen Veränderungen, die sich seit der Mitte des Jahrhunderts in einem noch nicht dagewesenen Tempo vollzogen, völlig unberührt geblieben. Dennoch begann das neue Industriezeitalter -direkt oder indirekt - auch seinen Einfluss auf die Frauenmode auszuüben. Die fortschreitende Mechanisierung der Textilindustrie kam selbstverständlich auch der Frauenkleidung zugute. Immer mehr Luxuswaren, die zuvor nur den Reichen erschwinglich waren, wurden mit Hilfe der Technik zu Massenartikeln. Bei der Herstellung von Spitzen, Stickereien und Posamenten wurde die zeitraubende und teure Handarbeit bereits durch Maschinen ersetzt. Der sich nunmehr mächtig ausdehnende Welthandel, der billige Rohstoffe und Textilien aus den Kolonien und überseeischen Ländern nach Europa brachte, trug ebenfalls zur Verbilligung und damit zur gesellschaftlichen Nivellierung vieler Luxuswaren bei. So kamen in den sechziger Jahren die ersten japanischen Seidenstoffe auf den Markt. Auch in Europa begann man in neuen Gebieten die Seidenraupenzucht einzuführen.

Nicht zuletzt hatte die Erfindung der künstlichen Krinoline den besten Beweis dafür geliefert, dass der technische Fortschritt vor der Frauenmode nicht haltmachte. Die Nähmaschine, die sich in den fünfziger Jahren einbürgerte, ließ all jene zahllosen Volants, Rüschen und Falbeln, die vielfach die Hauptkosten der Frauenkleider ausmachten, billiger und damit ebenfalls für einen größeren Kreis von Frauen erschwinglich werden. Man bedenke, wieviel Arbeitsstunden die zuvor mit der Hand genähten Kleider mit ihren Hunderten von Metern Saum kosteten! Auch die Konfektion suchte bereits nach Wegen und Mitteln, um sich bei den Frauen einen größeren Kundenkreis zu schaffen. Da das Korsett die Formen des Mieders bestimmte und seine Serienherstellung nicht zuließ, konnten sich die Massenproduzenten allerdings nur mit den Röcken beschäftigen. So wurden in den fünfziger Jahren bereits fertige Röcke angeboten und die Materialien für das Mieder gesondert geliefert, so dass dieser Teil des Kleides weiterhin vom Schneider oder von der Käuferin selbst hergestellt werden konnte. Modezeitungen Wer seine Kleider selbst nähte, konnte diese jetzt nach den neuesten Modellen arbeiten. Die Presse und die seit der Jahrhundertmitte in zuvor nicht gekannter Anzahl Größe und Ausstattung erscheinenden Mode Zeitschriften wandten sich an immer breiten Schichten und sorgten dafür, dass die neuen Moden weit schneller als früher und sogar in den entlegensten Gebieten bekannt wurden. Die Fotografie, deren technische Entwicklung in der fünfziger Jahren schnell voranschritt, trug eben falls zur Verbreitung der Mode bei. Reformbewegung Der technische Fortschritt trug aber nicht nur dazu bei, dass der Kreis der Frauen, die an der Mode teilnahmen, immer größer wurde. Die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, die das Entstehen der Großindustrie begleiteten, führten dazu, da£ auch der Widerstand gegen die herrschende Mode wuchs und die Forderungen nach einer grundlegenden Reform der Frauenkleidung immer dringlicher wurden. Die Industrie schuf Arbeitsplätze für die Frauen, an denen sie auch bei physischer Unterlegenheit die gleichen Aufgaben erfüllen konnten wie der Mann. Bald sollten sie auch im politischen Leben ihre Stimme erheben. Außerdem zog das pulsierende Leben in den Großstädten, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entstanden, die Frauen in immer stärkerem Maße auf die Straßen, in die Warenhäuser und Cafes, in die eleganten Restaurants, Schauspielhäuser und Opern. Überall jedoch, wo die Frau in der Öffentlichkeit erschien, auf der Straße, in der Eisenbahn, voi allem aber an ihrem Arbeitsplatz, stellte ihre Kleidung ein nur schwer zu ertragendes Hindernis dar. So war es kein Wunder, dass die Krinoline von Anfang an viele Gegner hatte. Mrs. Bloomer schlug bereits im Jahre 1851 in den USA die Einführung einer Hosentracht vor, mit der sie allerdings mehr Spott als Erfolg erntete. Ebenso erging es in den sechziger Jahren ihrer Landsmännin Maria Jones, obgleich diese über der Hose noch eine kleine Krinoline trug. Die Forderungen nach einer zweckmäßigeren Frauenkleidung sollten aber nicht mehr verstummen; im Laufe der Jahrzehnte gewannen sie wachsenden Einfluss auf die Mode. Außer den Sozialreformern und Vertretern der Frauenemanzipation setzten sich auch viele Künstler, die die offizielle Mode wie die offizielle Kunst vor allem aus ästhetischen Gründen ablehnten, für die Verbesserung der Frauenkleidung ein. Die meisten Anhänger dieser »kunstgewerblichen Bewegung« waren mit den sozialen Bestrebungen ihrer Epoche verbunden. Diese Reformbewegung wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts in England von den »Prä-Raffaeliten« ins Leben gerufen und erlangte unter der Führung von William Morris weltweite Bedeutung (siehe S. 362). Ihre Vertreter glaubten allerdings, die Gebrauchsgüterproduktion und die Mode einzig durch eine Erneuerung des Handwerks reformieren zu können, und suchten ihre Vorbilder in der mittelalterlichen Kunst und Mode. Da sie aber ebenso wie die Sozialreformer das Korsett und alles Unbequeme und Steife ablehnten, sollten die Hemdkleider, die sie in den fünfziger und sechziger Jahren für ihre Frauen entwarfen, für die Reform der Frauenkleidung und damit auch für die heutige Mode noch eine wichtige Rolle spielen.

Die Sozialreformer und Frauenrechtlerinnen, die ihre Vorbilder der Männerkleidung entlehnten, haben - obgleich auch ihre Reformvorschläge auf großen Widerstand stießen - schon in den fünfziger Jahren Einfluss auf die Mode gewonnen. Die Hosen, die Mrs. Bloomer 1851 vorschlug, wurden von der Mode allerdings erst im 20. Jahrhundert akzeptiert. Aber schon Anfang der fünfziger Jahre, als die Anhängerinnen der offiziellen Mode noch riesige Reifröcke mit Rüschen und Volants trugen, wurden in anderen Kreisen Schoßtaillen, Westen und andere Kleidungsstücke aktuell, die ihre Vorbilder der Männerkleidung entlehnten und mit Revers, Taschen und Knöpfen ausgestattet waren. Manche Frauen legten sogar Kragen und Krawatten an. Zusammen mit den Jacken wurden auch die Blusen wieder aktuell, die zwar schon in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts aufkamen,dann aber wieder aus der Frauenkleidung verschwanden. Auch am Rock vollzogen sich bereits während der Blütezeit der Krinoline Veränderungen, die von vielen Zeitgenossen nur mit größtem Erstaunen, ja mit Entrüstung wahrgenommen wurden. Während sich der Rock bei vielen Kleidern zur Schleppe verlängerte, begannen andere Frauen, ihre Röcke mit Hilfe von Bändern und Schleifen hochzuschürzen. Wie viele Neuerungen, die in der zweiten Jahrhunderthälfte zur Vereinfachung der Frauenkleidung beigetragen haben, soll diese Verkürzung der Röcke zuerst in England Liebhaberinnen gefunden haben.

Mit den hochgerafften Röcken begannen die Unterröcke, von denen zuvor beim Aufraffen der Kleider nur die mit Spitzen besetzten Ränder zum Vorschein kamen, in der Mode eine aufsehenerregende Rolle zu spielen. Die Unterröcke, die jetzt unter den geschürzten Kleidern zur Geltung kamen, wurden auch kürzer und ließen die Füße unbedeckt. Man stellte sie aus möglichst kontrastreichen farbigen Stoffen her, so dass die Zeitgenossen viele Gründe zur moralischen Verdammung zu haben glaubten. Der erste rote Unterrock, der 1857 in Paris auftauchte, wirkte auf viele geradezu schockierend. Zur gleichen Zeit, als sich dieser revolutionäre Einbruch der Farbe in Kleidung und Unterkleidung vollzog, wurden übrigens die Anilinfarben erfunden, die einen neuen Abschnitt in der Geschichte der Textilindustrie einleiteten. Die »Schrittmacher« des »genre Canaille«, wie die Zeitgenossen diese aufsehenerregenden Moden nannten, waren die Damen der Demimonde, die, wie auch aus der Literatur hervorgeht - denken wir nur an die »Kameliendame« von Dumas -, im Mittelpunkt zahlloser Gesellschaftsskandale standen. Das »genre canaille« war jedoch mehr als eine Angelegenheit der Hypermodernen. Seine auffallenden Formen und Farben, die Riesenkaros und Streifen, die Nachahmung vieler männlicher Kleidungsstücke waren zugleich ein Protest gegen die herrschende Mode und damit auch gegen die bürgerliche Gesellschaft, die die Frauen zur Unfreiheit verurteilte. Auch die Überbekleidung nahm oft bereits eine betont maskuline Note an. Neben Capes und Schals, die weiterhin beliebt blieben, wurden Jacken modern, die ganz offensichtlich ihre Verwandtschaft mit dem Männerrock verrieten. Während des Krimkrieges trug man Jacken im »türkischen Stil«, die mit Tassein und anderen »orientalischen Effekten« ausgestattet waren. Im Jahre 1860 war die Garibaldijacke aus rotem Kaschmir mit goldenen Litzen und Knöpfen ein Lieblingskind der Mode. Ähnlich auffallende Formen und Farben zeigte die Zuavenjacke. Fußbekleidung Nicht nur für Kleider und Unterkleider, auch für Schuhe und Strümpfe wurden möglichst kräftige, kontrastreiche Farben aktuell. Zu den kurzen Kleidern waren hohe, rote, mit Tassein besetzte Stiefel modern. Im allgemeinen wurden jedoch Stiefeletten getragen, deren Verschluss sich jetzt von der Seite nach vorn schob. Halbschuhe dienten vor allem als Abendschuh.

Kopfbedeckungen Auch die Schute gehörte zu den Opfern, die die Frauenmode dem beginnenden neuen Zeitalter bringen musste. Die »Scheuklappen« wurden im immer reger werdenden Straßenverkehr zu einem lebensgefährlichen Hindernis. Schon in den fünfziger Jahren schmolz der Schirm der Schute immer mehr zusammen, so dass diese den freien Blick nicht mehr behinderte. Von den großen Bindehüten der vorhergehenden Periode waren bei den »Kapotthütchen« schließlich kaum mehr als der Name und die langen Bänder übriggeblieben. Gleichzeitig begann der runde Hut immer beliebter zu werden, der als »Florentinerhut« zunächst sehr große schwingende Formen zeigte.

Am Ende der sechziger Jahre wurden sehr kleine deckelartige Hüte getragen, die den Kopf mehr schmückten als verhüllten. Nun geriet auch die Haube als Sinnbild einer überlebten Zeit aus der Mode. Sogar im Hause verzichteten die Frauen auf dieses einstige Attribut weiblicher Tugend.Bademoden Die Geschichte des Badeanzuges lässt ebenfalls erkennen, dass sich die Frauen bereits unter der Herrschaft der Krinoline -wenn auch noch in verspielter und naiver Form - von den herrschenden bürgerlichen Moral- und Wertvorstellungen zu emanzipieren begannen. Obgleich sich das Baden im Freien bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts eingebürgert hatte, war der Badeanzug der Frauen bis in die fünfziger Jahre hinein kaum mehr als ein weites, hemdähnliches Gewand, zu dem man später noch lange, unförmige Hosen trug. Die Wiener Damen allerdings haben sich bereits in den dreißiger Jahren in recht reizvollen Badeanzügen in den Fluten eines - selbstverständlich von hohen Zäunen umgebenen - Freibades getummelt. Im allgemeinen begann der Badeanzug aber erst in den sechziger Jahren attraktiv zu werden. Das Oberteil verlor seine formlose Gestalt, die zuvor weiten Hosen wurden schmaler und über den Knöcheln oder gar unter den Knien oft mit einer Rüsche gehalten. Zum erstenmal gestattete die Mode der Frau, ihre Beine zu zeigen! Damit war eins der ältesten Tabus gefallen und zugleich ein wichtiger Schritt getan, der zur Emanzipation der Frauenkleidung führte und ihren Trägerinnen schließlich die Bewegungsfreiheit zurückgab, die sie jahrhundertelang unter den langen Röcken, Schlepp- und Krinolinenkleidern verloren hatten.


 
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Datum der letzten Änderung:  Jena, den: 28.09. 2016