Novalis

Zur Weinlese
Wir haben Weinmond, lieben Leute,
Und weil nicht immer Weinmond ist,
So sag' ich's euch in Versen heute,
Damit es keiner nicht vergißt. -
Wenn Weinmond ist, so müßt ihr wissen,
Da gibt es Trauben, Most und Wein,
Und weil die armen Beeren müssen,
So sprützen sie ins Faß hinein.
  
  Es gibt gar unterschiedne Beeren,
Von allen Farben trifft man sie,
Und manche hält man hoch in Ehren,
Und manche wirft man vor das Vieh.
Sie sind im Temp'rament verschieden
Und von gar mancherlei Statur;
Doch allen ist der Wein beschieden
Als Lieblingskindern der Natur.
Der alte Stock wird blühn und wachsen,
Wenn man den Überfluß ihm nimmt
Und überall im Lande Sachsen
Sein Wein auf guten Tischen schwimmt.
Er hat noch manche reife Traube
Von andrer Art und ihm zur Last;
Es bitten Geier oder Taube
Vielleicht sich bald bei ihm zu Gast.
 
  Daß er noch lange blüht, das weiß ich,
Ob er wohl manches Jahr schon steht;
Denn dafür, lieben Leute, beiß' ich
Ein Dichter oder ein Poet.
Ihr denkt wohl gar, ich sei ein Träubchen,
Weil mich der Stock fest an sich schnürt?
Ich bin s zufrieden, wenn ein Weibchen,
Ob ich gut schmecke, sacht probiert.
Drum weil nicht Weinmond alle Tage,
Kein solcher Stock nicht überall,
So denkt nicht heut an eure Plage,
Zieht eure Sorgen in den Stall,
Laßt unsern alten Weinstock leben!
Und seinen lieben Winzer da! . . .
 
Novalis (1799)

(eigentlicher Name: Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg - 1777 bis 1801),
er bedeutendste Lyriker und Prosadichter der deutschen Frühromantik, studierte 1790/91 in Jena Rechtswissenschaft.
Hier schloß er u.a. Freundschaft mit Schiller, dessen begeisterter Verehrer er geworden ist. Er pflegte Schiller während dessen Krankheit und gewann u.a. als Hörer von Schillers Vorlesungen über die Kreuzzüge die ersten Eindrücke vom Mittelalter, die er später in seinem Roman "Heinrich von Ofterdingen" verarbeitete.
Nach der Fortsetzung des Studiums in Leipzig und Wittenberg begann er 1795 eine Berufstätigkeit als Aktuarius an der Kreishauptmannschaft in Tennstedt. Hier lernte er auf dem benachbarten Gute in Grüningen die 13Jährige Sophie von Kühn kennen, mit der er sich verlobte und durch die er zum Dichter wurde.
1796 erhielt er eine feste Anstellung am Salinenamt in Weißenfels, wo der Vater Direktor war, und wurde 1799 Salinenassessor. Novalis ist von Weißenfels oft nach Jena gekommen, zunächst 1796, um hier die in ärztlicher Behandlung liegende totkranke Braut zu pflegen.

Aus dem ihn tief erschütternden Erlebnis des frühzeitigen Todes von Sophie (1797) und des unmittelbar darauf folgenden Todes des Lieblingsbruders Erasmus entstanden die berühmten, von mystischer Todessehnsucht getragenen "Hymnen an die Nacht" (1799). Die dritten und bedeutungsvollsten Aufenthalte von Novalis in Jena fallen in die Jahre 1799/1800.
Er wurde in Jena ein Angehöriger des Freundeskreises der "Jenaer Romantiker" und hatte enge freundschaftliche Bindungen an die Brüder Schlegel, zu Ludwig Tieck, Schelling und Brentano, die sich damals in Jena zusammenfanden. Bereits ein Jahr später ist Novalis, noch nicht 3ojährig, in Weißenfels gestorben.

Novalis war nicht nur jener verträumte, von Todessehnsucht getragene und die weltferne Blaue Blume der Romantik suchende Mensch, wir er uns aus vielen seiner Dichtungen und den bekannten Porträts entgegentritt. Seine Briefe und die eng mit dem arbeitenden Volk verbundene, mit großem Pflichtbewußtsein ausgeübte Berufstätigkeit lassen auch einen anderen Novalis erkennen.
Ludwig Tieck hat ihn in seinem biographischen Nachruf (1815) ausdrücklich als einen jungen Menschen geschildert, der im Umgange "fröhlich wie ein Kind scherzen" und sich mit "unbefangener Heiterkeit den Scherzen der Gesellschaft" hingeben konnte.
Das im Auszug wiedergegebene, wenig bekannte Gedicht zeigt uns diesen heiteren, lebensgewandten Novalis. Es entstand 1799 als "Gelegenheitsgedicht" anläßlich des Geburtstages der Mutter. Ist es auch nicht in Jena, sondern in Weißenfels geschrieben worden, kann es doch ebensogut auch für das damalige, von Weinbergen umgebene Jena gelten. Der Weinbau und das Winzerleben des Saale- und Unstruttales haben in diesen Versen ihre dichterische Wiederspiegelung gefunden.
Und die heiterverspielten Reime auf "Träubchen", "Weibchen" deuten darauf hin, daß hier die Volkswelt von Mozarts und Schikaneders soeben bekannt gewordener neuer "Zauberflöte" (Uraufführung Wien 1791) Pate gestanden hat.


 
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Datum der letzten Änderung: Jena, den: 28.12.2009